Dialog: Der Dialog für Österreich

Der Dialog für Österreich

Innerhalb der Katholischen Kirche Österreichs ist es in den letzten Jahren zu einer unheilvollen Bildung von Lagern gekommen. In keinem davon fehlt es an jenen, die sich selbst für große Kirchenlichter halten und wild entschlossen sind, die Kirche vor den jeweils anderen zu retten, tot oder lebendig. Sie sind schon oft aufeinandergetroffen, in ihren Diskussionen wird so manches sichtbar, nur nicht Gott. Dabei belegen neutrale Untersuchungen ein neuerwachtes Verlangen nach der Transzendenz. Stillt die österrreichische Kirche heute noch dieses Bedürfnis oder eher das nach (pardon!) Kämpfen zwischen dem Kasperl und dem Krokodil?

Die einen sehen in jeder Veränderung nur das Alte untergehen und nicht auch gleichzeitig das Neue heraufdämmern. Sie verwechseln den Geist mit der geschichtlichen Form, in der er sich verwirklicht. Andere wollen Religion mundgerecht zubereiten und stutzen ihr übernatürliches Element zurück, bis sie in keiner Weise mehr über betuliche Normalität hinausragt. Ihre Sprache ist ein unsägliches Beschwichtigungsgesäusel, das keinen Funken des Mysteriums mehr aufleuchten läßt. Das größte Problem dürften aber jene Eiferer beider Seiten vorlegen, deren Agression in Wort und Schrift jedes Maß von Anstand und gutem Geschmack sprengt und den einzigen Grund darstellt, die Trostlosigkeit ihrer Gegner noch annehmbar zu finden.

Die Spaltung innerhalb der Kirche reicht tief, da ist keine Beschönigung möglich. Damit daraus nicht eine Kirchenspaltung wird, haben die Bischöfe zum 'Dialog für Österrreich' eingeladen. Was für ein Ding ist so ein 'Dialog'?

Vor einigen Wochen brachte das Wissenschaftsmagazin 'Dimensionen' auf Ö1 eine Sendung über die Steuerung von Computern mittels Sprache, Titel: 'Dialog mit der Maschine'. Das ist griffig und gut gewählt, aber hoffentlich stimmen wir alle überein, daß es so wohl nicht sein kann. Keinen Dialog führt auch, wer bloß öffentlich markige Forderungen aufstellt, ebensowenig, wer zur Antwort darauf stur gesetzliche Formeln wiederholt.

Dialog, das ist - von außen und sachlich betrachtet - erst einmal der ruhige, unaufgeregte Austausch von Argumenten. Position trifft auf Position, die stärkere setzt sich durch. Das soll aber noch nicht alles sein, Denker aus der Schule des Martin Buber hätten mit diesem Diskussionsdarwinismus keine Freude. Dialog im vollen Sinne ereignet sich nämlich in der Begegnung von Personen. Und um einander zu begegnen, muß man die Schützengräben verlassen, gerade auch die intellektuellen.

Zugegeben, das ist riskant, man ist plötzlich ungedeckt und verletzbar. Das gilt dann aber ebenso für den Anderen, der plötzlich nicht mehr bloß 'der da' ist, der Gegner, sondern ein Mensch, in Freude und Hoffnung, Trauer und Angst. Aus diesem Erkennen kann Erkenntnis geboren werden. Wo sie geschieht, ist sie dankbar entgegenzunehmen.

Der Dialog hat zwei Elemente: Einerseits die Vielfalt der Standorte, ohne sie braucht es keinen Dialog und wird es keinen geben, andererseits die Einheit der Grundlagen, sonst entstehen allenfalls interessante Parallelmonologe, aber keine Verständigung.

Das gemeinsame Ziel muß die Wahrheit sein, so gut sie eben erkennbar ist. Dabei sind Verschiedenheiten unvermeidlich auszuhalten. Erst der Blick aus zwei Augen macht es möglich, in die Tiefe des Raumes zu sehen.

Die bevorstehende Versammlung in Salzburg wird der Ort sein, einen Dialog zu führen. Mit ihm verbinden sich eine große Hoffnung und eine große Sorge: Die Hoffnung, daß dort endlich einmal die sehr verschieden Gruppen innerhalb der Kirche ein echtes Gespräch führen, die Sorge, daß man sich wieder in oberflächlicher Aufgeregtheit verheddert.

Wie wird sich die stille Sehnsucht so vieler im Lande nach einem offenen Himmel - nach Gott - darin wiederspiegeln? Von Ihm war war zuletzt am wenigsten die Rede. Wer wird ein leises Thema, dem oft die Worte und fast immer die öffentliche Aufmerksamkeit fehlen, im Gespräch vertreten? Mögen sich recht viele Teilnehmer finden, die den Bäumen auf einem Hügel gleichen: Tiefe Wurzeln, weiter Horizont! (chb)
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Wien, Oktober 1998

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)