Christian Berger, Nachbarin des Donners - Die Glocke und ihr Lied

Nachbarin des Donners -
Die Glocke und ihr Lied

Der Weg ist weit. Aus der U-Bahn herauf im Gedränge der Rolltreppen, über den belebten Stephansplatz und durch das Riesentor in den gotischen Dom. Zielstrebig am Gemurmel der touristischen Scharen vorbei, geht es links vorne wieder in die Neuzeit. Ein Aufzug bringt den Besucher auf den 68 Meter hohen Nordturm. Vom Liftwart wortkarg mit einem Informationsblatt ausgestattet, wird er ins Freie entlassen und steht weit über der Stadt. Dem Erzbischöflichen Palais kann er in den Hof schauen, den Fiakerpferden auf die Kruppe. Ein Schild verspricht, daß es bei Stromausfall möglich ist, über die Wendeltreppe hinabzusteigen. Gut, daß man das Mittelalter nicht ganz abgeschafft hat.
     Es ist fast noch Winter in Wien, die Spitze des Südturms verschwindet im Nebel. Das Domdach ganz allein scheint farbig zu sein. Über einem Wald von Fialen und Scharen von Wasserspeiern geht es zwischen Turm und Dach hindurch. Die bunten Platten bilden ein Mosaik, Rautenmuster hinten, Wappen vorn. Um ein paar Ecken geht es aufwärts, dann steht man vor der Glocke, dem Ziel der Reise durch die Jahrhunderte.
     Heute schweigt sie, läßt niemanden in die rundum vergitterte und verglaste Glockenstube. Sie birgt Dunkelheit in der gut drei Meter durchmessenden Wölbung, ist stumm, 21 Tonnen mächtig, unnahbar. Die Pummerin ist Brennpunkt der Zeit, ist selber ihre eigene Geschichte. 1711 aus der Bronze erbeuteter Kanonen gegossen, läutete sie erstmals im folgenden Jahr, als Karl VI. von der Kaiserkrönung zurückkehrte. Jahrhundertelang begleitete sie hoch vom Südturm das Leben der Stadt.
     Im April 1945 brennt der Dom, die Glocke stürzt ab und zerschellt. Aus den Trümmern wird in Oberösterreich die neue Pummerin gegossen und 1952 in Wien feierlich geweiht. Der Transport wird zum Triumphzug, da war mehr als eine Glocke wiedererstanden. Ein Land trat aus dem Schatten des Krieges. "Friede war ihr erst' Geläute."

Nur die Glocken,
Die Sturm singen und Frieden singen
Die Tod singen und Weihnacht singen
Die rätselhaften unausdeutbaren Glocken
rufen noch immer.
Marie Luise Kaschnitz: "Europa"

     Glocken sind wohl die größten Klanginstrumente des Menschen. Sie hängen hoch über dem Alltag und geben die Stimme ihres vollen Geläutes nur dem Wesentlichsten. Ihr Schweigen ist Zeichen der Trauer, Sturmgeläut meldet Gefahr.

     Der Ursprung der Glocken liegt in den fruchtbaren Niederungen Mesopotamiens. Bald nach 1000 v. Chr. erklangen sie dort, vor allem dienten sie dem Tempel. Das Christentum nahm Glocken erst in Gebrauch, als das Heidentum erlosch. Die Ostkirche kennt sie seit 896, verwendet sie aber nur bei hohen Festen. Im Westen sind sie gebräuchlicher, die Catholica heißt ihre Glocken nur während der Kartage zum Gedenken an das Leiden Christi schweigen. Dann müssen die Ratschenbuben und -mädchen sie ersetzen.
     Im weltlichen Bereich regelte der Glockenschlag das öffentliche Leben: Mittags-, Markt-, Gerichtsglocke. Die Feuerglocke gab Alarm, die Pest- und Wetterglocken sollten Unheil abwenden. Wegen ihrer Bedeutung als Signalgeber wichtiger Ereignisse und als feierlich geweihtes Kultgerät erlangte die Glocke über die Jahrhunderte hinweg im Volksglauben einen mythischen Status wie kein anderes Instrument. Abgefeilte Späne und Glockenschmiere dienten der Volksmedizin als Mittel gegen Krankheit und Zauber. Die Glocke wurde auch zum ernsten literarischen Topos. Während ein behextes Klavier oder Münchhausens eingefrorenes Posthorn höchstens für eine Humoreske taugen, fand noch Gerhart Hauptmann das Motiv der "Versunkenen Glocke" stark genug, ein symbolistisches Drama zu tragen.
     Am bekanntesten ist natürlich das "Lied von der Glocke". Schiller hat einen Glockengießer besucht, bevor er es 1797 sang, und seine technische Beschreibung ist exakt. Zugleich hat er aber das Thema seiner berühmten Antrittsvorlesung behandelt:
"Was ist und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" Manche meinen, dem Gedicht hätte es besser getan, wenn der Dichter die geschichtsphilosophischen Betrachtungen beiseite gelassen und sich allein auf den Glockenguß konzentriert hätte. Aber welch ein Zitatenschatz für alle Lebenslagen wäre uns entgangen!

     Eine große Glocke zu gießen, ist zugleich Kunst und harte Arbeit. Im Werk des Meisters sind Berechnung, Erfahrung und Fingerspitzengefühl untrennbar miteinander verbunden. Schon die Planungsphase kann Monate dauern. Die Glocke gibt ihren wahren Klang nämlich erst im Zusammenspiel mit den Resonanzräumen der Glockenstube und des Turms. Der Ton muß mit schon vorhandenen Glocken harmonieren. Bis auf einen Sechzehntelton genau muß er geplant werden.
     Für den Guß selbst wird eine Grube ausgehoben, dort wird "fest gemauert in der Erden" der Glockenkern ausgeführt. Mit einem drehbaren Schablonenbrett wird darauf die Innenkontur der neuen Glocke in weichen Lehm glatt abgeformt. Nach dem Trocknen bringt man eine Trennschicht auf und baut darüber - wieder mit Hilfe einer Schablone - die "falsche Glocke", ein 1:1-Modell des Endprodukts. Inschriften und Reliefs, die Herkunft und Widmung angeben, werden aus Wachs gefertigt und außen aufgeklebt.
     Über die Positivform modellieren die Handwerker den sogenannten Mantel und setzen oben die Gußform der Glockenkrone auf. Der Mantel ist mit Einlagen aus Draht und Hanf verstärkt, denn er muß nach oben abgehoben werden. Die falsche Glocke wird entfernt, der Mantel - ganz exakt - wieder aufgesetzt. Damit das flüssige Metall ihn später nicht abhebt wird er rundum mit Sand oder Erde festgestampft.
     Das bevorzugte Material für Glocken ist immer noch Bronze, am besten 78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn. Wenn Edgar Allen Poe in seinem Gedicht "Bells" von silbernen Schlitten- und goldenen Hochzeitsglocken spricht, nutzt er die dichterische Freiheit. Weiches Edelmetall würde nicht rein klingen. Mit seinen eisernen Totenglocken trifft Poe die Wirklichkeit wieder, solche gibt es, und sie klingen tatsächlich härter als ihre erzenen Schwestern.
     Nach all den Vorbereitungen entscheiden schließlich wenige Minuten Schwerstarbeit über den Erfolg der Glockengießer. Das über 1100 Grad heiße Glockengut verschwindet in der Form, dann kann man nur mehr warten. Große Exemplare können erst nach Tagen ausgegraben werden. Schiller: "Ach, vielleicht, indem wir hoffen hat uns Unheil schon getroffen". In der Regel zeigt sich aber ein "wohlgelungnes Bild". Der Ton wird mit Stimmgabeln kontrolliert und erhält (buchstäblich!) noch den letzten Schliff. Um 4/16 kann man noch tiefer stimmen.

     Was ist das Besondere am Glockenklang? Akustiker nähern sich ihm mit Mikrofonen und Analysen des Spektrums. Die Glockenform kann auf viele Weisen schwingen: Der Längsschnitt, die "Rippe", gleicht entfernt einer Stimmgabel, der Querschnitt oder "Umfang" entspricht bronzenen Ringen verschiedener Größe und Stärke. Beim Anschlag überlagern sich die Schwingungen zu komplizierten Mustern. Etwa ein Dutzend davon ergeben die sogenannten Prinzipaltöne, die von ganzen Kaskaden von Obertönen begleitet werden. Erst mit ihnen entsteht das Glockenerlebnis. Ohne Obertöne würde bloß ein unsympathisches Bim-Bam übrigbleiben. Rätsel gibt der sogenannte Schlagton auf: Er ist laut und deutlich zu hören, entspricht aber keiner Schwingungsform des Glockenmantels. Man nimmt an, daß er erst im Gehör des Menschen aus den Teiltönen gebildet wird.
     Der ungreifbare Schlagton oder Melodieton - ein Hinweis darauf, daß die Bedeutung der Glocke über die Physis hinausreicht. Geläut ist nicht Geräusch, sondern Erlebnis. Halb ironisch und halb ernst ist es bei Thomas Mann nachzulesen. Sein Roman "Der Erwählte" beginnt mit dem Geläut aller Glocken der Stadt Rom: "Das ist nicht Zeitmaß noch Einklang, sie reden auf einmal und alle einander ins Wort, ins Wort auch sich selber ..."
Wer für die Sprache der Glocken ein Ohr hat, der höre. Der gehe an einem hohen Festtag kurz vor dem Hochamt auf den Kirchplatz und schließe für einen Moment die Augen. (chb)

Ostern 1999.
(erschienen in gekürzter Form im "Spektrum" der Tageszeitung "Die Presse")

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)