Dialog: Ìst der Himmel offen?

Ist der Himmel offen?
(erschienen in "Vision 2000" Nr. 4/98) 

Eine gewöhnliche Straßenumfrage zum Thema: 'Was ist ein Christ?' würde als häufigste Antwort wahrscheinlich ergeben: 'Ein guter Mensch.' Das ist erfreulich für uns, nachdem wir seit etwa 1000 Jahren im Land präsent sind. Sofern damit aber nichts weiter gemeint ist als Spendenfreudigkeit und ein allgemein wohlerzogenes Wesen, greift die Antwort zu kurz. Wenn es nur darum ginge, sähe ich für mich persönlich keinen Grund, Christ zu bleiben. Ein 'anständiger Mensch' kann man bekanntlich auch für sich allein und ohne Konfession sein. (Daß hier ja kein Mißverständnis aufkommt: Selbstverständlich sind soziale Hilfeleistungen und der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden notwendige Bedingungen für jedes Christentum. Ganz klassisch formuliert: Der Glaube ohne Werke ist tot. )

Wer den Glauben der Christen nur an seinem innerweltlichen Nutzwert messen will, legt eindeutig den falschen Maßstab an. Nicht nützlich, sondern wahr will er in erster Linie sein - aber weil er wahr ist, ist er auch nützlich. Die Kirche ist eine Religionsgemeinschaft, und alles, was sie tut, sei es gesellschaftlich willkommen oder nicht, ruht darauf als Grundlage. Wenn sie von diesen Wurzeln abgeschnitten wird, muß sie verdorren und absterben. Genau das ist in den Herzen vieler Menschen geschehen.

Ein Grund? Leben und Denken der Kirche sind im genauen Wortsinn 'rationalisiert' worden. Was der Ratio faßbar ist, wird heute wahrscheinlich klarer als je zuvor, aber was den berechnenden Verstand übersteigt - und das Heilige ist unberechenbar - wird oftmals übersehen.

Ist es nicht traurig zu sehen, wie ungepflegt der Wirklichkeitsbereich des Heiligen im allgemeinen Bewußtsein ist? Der verwilderte Garten treibt seltsame, oft giftige Blüten, wie jeder Blick in die Esoterikabteilungen der Buchläden beweist. Wenn es das vielberufene Versagen der Kirche wirklich gibt, dann ist es vor allem hier zu suchen. Wo neutrale soziologische Untersuchungen von einer erneuerten Sehnsucht der Menschen nach Heiligem sprechen, wo die Menschen das Heilige aber nicht in und von der Kirche erwarten, dort haben wir wirklich schwer versagt. Dabei ist diese Sehnsucht im Grunde unstillbar. Die Menschen in ihrer Verzweiflung suchen sich eben irgendeinen Ersatz, mag es die gesellschaftliche Stellung sein, eine trendige Sportart oder eine gesunde Lebensweise. (Das Wort 'sündigen' kommt heute am häufigsten in Verbindung mit Diäten vor.) Aber nichts außer der Transzendenz selbst, die den Menschen aus dem Gefängnis der eigenen Grenzen befreit, vermag der Not abzuhelfen.

Und damit wären wir mitten drin im wahrscheinlich größten Defizit der österreichischen Kirche: Wir verkündigen nicht, was wir angeblich glauben. Teilweise fehlt es einfach am Wissen, teilweise am Mut zum Widerspruch. Wie bequem haben wir es uns doch eingerichtet mit der Wohlstandsgesellschaft! Wir muten unserer Umwelt statt des Glaubens an Gott vielfach einen süßlichen, strukturlosen Brei zu, der Religion nur noch in homöopathischer Verdünnung enthält.

Das Christentum ist ein Skandal, aber wir haben wirklich unser Bestes getan, ihn unter den Teppich zu kehren. Schau nach bei Paulus oder im Evangelium selbst: Seine Worte sind unerträglich, wer kann sie hören? An dem Jesus dagegen, den wir verkünden, würde kaum jemand Anstoß nehmen. Die Ecken und Kanten der Botschaft sind abgeschliffen, geblieben sind oft nur mehr ein sehr allgemeines Wohlwollen gegenüber allen und keinem und eine schier endlose Geduld mit den je eigenen Fehlern. Ich nehme mich da selbst nicht aus.

Wie lange geben wir uns noch mit einer Oben-Ohne-Theologie zufrieden? Wo ihre grundsätzliche Methode der Zweifel ist, zerstört sie das Vertrauen, ohne das es keinen Glauben geben kann. Sie verschließt den Menschen den Himmel und vertröstet sie auf das Diesseits.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Türen und Fenster der Kirche zur Welt geöffnet, darin liegt ja seine Bedeutung. Allerdings scheint über die Richtung der dadurch eingeleiteten Bewegung ein herzhaftes Mißverständnis vorzuliegen. Jawohl, es geht darum, auch im geistigen Sinn aus dem festungsähnlichen Haus voll Glorie hinauszugehen und in Liebe die Menschen dort aufzusuchen, wo sie eben leben. Und nein, es geht nicht an, jede beliebige in Elendsquartieren des Geistes herumstreunende Ansicht als 'Christentum honoris causa' hereinzubitten.

Die Kirche ist katholisch, das heißt umfassend. Sie lehnt nichts ab, was an anderen Lehren gut und wertvoll ist. Dennoch hat sie Grenzen. Zugegeben, in einer Zeit, die jede Grenze primär als Freiheitsberaubung und nicht als Orientierungshilfe sieht, gehört ein gewisser Mut dazu, sie aufzuzeigen. Aber ohne festumrissene Gestalt wird auf die Dauer kein Inhalt zu bewahren sein. Die Menschen erwarten auch durchaus, daß die Kirche 'sich unterscheidet'. Sie soll gar nicht mit aller Welt verwechselbar sein.

'Ich bin katholisch - aber es soll bestimmt nicht wieder vorkommen ...' Wenn unser Durchschnittsbekenntnis heute so lautet, werden wir unsere Mitbürger wohl kaum davon überzeugen können, wie großartig es ist, der Kirche anzugehören. Diese Kirche ist eine vielgestaltige Einheit, die Jahrtausende und Kontinente umfaßt, ihre Leitung liegt in den Händen verwegener Idealisten, die auf eine bürgerliche Existenz verzichtet haben, um dem Reich Gottes zu dienen. Sie hat einige der größten Kulturleistungen der Menschheit hervorgebracht und einige ihrer tiefsten Gedanken gedacht. Und dennoch betrachtet sie sich selbst nicht als eine Hauptsache, sondern als ein Werkzeug. Ich habe auf der Welt nichts und niemand gefunden, der mir ein vergleichbares Angebot hätte machen können.

In diesem Sinne habe ich für die Kirchenzukunft einen Wunsch: Mögen ihre Gläubigen Menschen sein wie Bäume auf einem Hügel, mit tiefen Wurzeln und einem weiten Horizont. (chb)

 Wien, Juni 1998

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)