Christian Berger, I don't care

I don't care

Wer am 28. August 1999 um 9 Uhr vormittag das Radio einschaltete, konnte auf 'Österreich 1' eine Dokumentation zum Thema 'Gentechnologie' hören. Der Sender nahm sich viel Zeit, eine ganze Stunde lang kamen sowohl Kritiker als auch Befürworter der Genforschung ausführlich zu Wort. Das war sehr begrüßenswert. Auch dem interessierten Laien fehlt sonst oft die Gelegenheit, sich über die rasche Entwicklung der Forschung sachkundig zu machen.

Selbstverständlich wurde die Anwendung der Forschungsergebnisse diskutiert. Auf dem Feld der Medizin wurden bereits zahlreiche neue Techniken zur Herstellung von Heilmitteln entwickelt - ein offenbarer Gewinn für die Menschheit. Die Anwendung genmanipulierter Organismen außerhalb von Labors, in der Landwirtschaft, stößt dagegen bei vielen auf scharfe Kritik.

Über die Frage nach Untersuchungen am Erbmaterial des Menschen (Stichwort 'Human Genome Project') kam das Gespräch auf Praktiken, die schon heute bei der künstlichen Befruchtung verwendet werden. Es handelt sich dabei nicht um Genmanipulation, sondern um Diagnose und Selektion. Tatsache ist, daß bei der künstlichen Befruchtung eines Paares immer überzählige Embryonen 'erzeugt' werden. Man läßt sie bis zum Achtzellstadium heranreifen, entnimmt dann eine Zelle und untersucht die Erbanlagen. Das soll vor allem verhindern, mißgebildete Embryonen einzupflanzen. Nach derzeitigem Stand kann hier aber auch das Geschlecht des Kindes gewählt werden, vielleicht bald die Haarfarbe und anderes mehr. Die Übriggebliebenen werden zunächst tiefgekühlt aufbewahrt und irgenwann wohl 'entsorgt'.

Es muß (noch?) nicht eigens betont werden, daß sich hier zahlreiche ethische Fragen eröffnen, da es sich - sehr bedachtsam formuliert - um menschliches Leben handelt. In der sorgfältig recherchierten Dokumentation wurde daraufhin ein Praktiker interviewt, der tagtäglich solche Arbeit tut. Seine Antwort kam in leicht gereiztem Ton: "I don't care". Es ist ihm egal, sagt er also (wobei Tonfall und Aussage kontrastieren). Der Embryonalingenieur führte aus, er biete seinen Klienten eben eine handhabbare Technik an, solange sie nicht gegen das Gesetz verstoße. Und weiter: Wenn man sich für die Arbeit mit Embryonen entschieden hat, kann man nicht ständig innehalten und ausrufen "Wow, es ist das Wunder des Lebens!"

Ehrlich ist der Mann, das muß man ihm lassen. Von einem sehr allgemein ethischen Standpunkt aus kann festgestellt werden, daß es sich wohl um die denkbar niedrigste Form von Gewissen oder Verantwortunsgefühl handelt, wenn man das gerade geltende Gesetz zum Maßstab des Rechtes macht. Dürrenmatts bitteres Wort "Die Gerechtgkeit wohnt auf einer Etage, zu der die Justiz schon lange keinen Zutritt mehr hat," mag allzu pessimistisch sein, aber sehen muß man die wenigstens mögliche Differenz zwischen beiden schon!

Es besteht aber das zweite und noch größerere Problem: Das menschliche Leben wird bei dem beschriebenen Verfahren auf den Status eines bloßen Materials reduziert, auf formbare Materie und ein Mittel zum Zweck. Es ist die "Abschaffung des Menschen" (im Sinne des Essays von C.S. Lewis), und man muß kein spezifisch christliches Argument bemühen, um das skandalös zu finden. Gerade Immanuel Kant, der große Philosoph der Aufklärung, hätte in den Grenzen der bloßen Vernunft dazu sicher einiges zu sagen gehabt.

"I don't care!" Diese Antwort ruft eine dunkle Erinnerung wach, sie ist uns doch von irgenwoher bekannt ... ? Sie klingt vertraut, weil sie uralt ist und schon im Morgengrauen der Menschheit auftaucht. Die Frage lautete beim ersten Mal: "Wo ist dein Bruder Abel?" (chb)

(erschienen in der 'Vision 2000', Nr. 6/99)

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)