Christian Berger, Warum Maria? – Quellen der Verehrung

Warum Maria?
Quellen der Verehrung

„Wie ist das eigentlich mit der Marienverehrung?“ Diese Frage wird an Katholiken immer wieder einmal gestellt, je nach Gelegenheit mit neugierigem, erstauntem oder auch etwas kämpferischem Unterton. Jedenfalls haben nicht wenige den Eindruck, als handle es sich dabei um ein leicht merkwürdiges katholisches Sondergut, das jedenfalls vom restlichen Christentum isoliert sei. 

Darauf könnte man sofort antworten, dass hier ein Punkt ist, in dem sich die Ostkirche und die (Katholische) Westkirche einig sind. Beide nehmen die Marienverehrung wichtig. Und selbst Martin Luther hätte sich diesem Konsens nicht von vornherein entzogen, wie wir wissen. Um aber besonders den Heutigen den Zugang zu erleichtern, sollen statt der Tradition die biblischen Wurzeln der Marienverehrung dargestellt werden. 

Wir werden uns aus praktischen Gründen auf die Evangelien beschränken - und streben natürlich auch da keine Vollständigkeit an. Wir finden dort Aussagen von und über Maria, die zur Grundlage der späteren Lehre und Spiritualität geworden sind. 



Verkündigung – Die neue Eva

Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft ... Was für eine Situation, rein menschlich gesehen, kein Wunder, dass das junge Mädchen zurück fragt: Was soll das bedeuten? Wie soll das gehen? Doch zuletzt : Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort. (Lk 1,26-38) In diesem Wort liegt die freie Zustimmung eines Menschen zum Heilsplan Gottes. In dieser Vereinigung mit Gott liegt die höchste Würde der menschlichen Freiheit.

Schon die allerfrühesten Theologen, wie Justin der Märtyrer um das Jahr 150 n. Chr. oder Irenäus von Lyon wenig später sahen in Marias Zustimmung die Aufhebung des verweigerten Vertrauens Evas im Paradies, wie es im Buch Genesis geschildert wird. Maria wird so zu einer neuen Eva, zur gemeinsamen Urmutter aller Erlösten.


Besuch bei Elisabeth – Die Gebenedeite 

Die Situation einer ledigen Mutter war peinlich, viel mehr damals als wir uns heute vorstellen können. Welche Stärke in dem jungen Mädchen - und was für ein Mann muss dieser Josef gewesen sein, dass er blieb. Dennoch, es war besser, für eine Weile anderswo zu leben. Maria verläßt ihren Heimatort und geht zu Elisabeth, einer älteren Verwandten, die ein ähnlich geheimnisvolles Erlebnis gehabt hat und mit Johannes, dem späteren Täufer, schwanger geht. 

Elisabeth hat verstanden, sie läuft dem Mädchen entgegen: „Gepriesen bist du ... gepriesen ist dein Kind ... wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Und Maria antwortet mit dem Magnificat, einem der schönsten Gebete in der Bibel. „Hoch preist meine Seele die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt ... von nun an preisen mich selig alle ... der Mächtige hat Großes an mir getan, sein Name ist heilig“ (Lk 1, 46–55) 


Im Stall und im Tempel - Die Zeugin

Maria bringt ihren Sohn auf einem Amtsweg zur Welt, und in einem Stall, weil in den Herbergen von Betlehem kein Platz mehr war. Keine Verwandten da, keine Freunde, nur ein paar arme Hirten vom Feld. (Lk 2,1-20) Fast schon ein Flüchtlingsschicksal, wie später, als die Familie vor dem König Herodes nach Ägypten fliehen muss. Plötzlich nähert sich eine Karawane, drei vornehme Herren aus fremden Ländern steigen ab. Sie bringen Geschenke: Gold, wie es einem König zusteht, Weihrauch, den die Völker ihren Göttern spenden, und – beklemmend genug für ein neugeborenes Kind – Myrrhe, mit der man die Toten bestattet. (Mt 2,1-12) 

Als fromme Juden besuchen Maria und Josef den Tempel, um dort ihre religiösen Pflichten zu erfüllen. Nach den Nächten im Stall die Pracht dieses Gotteshauses – aber merkwürdige Leute laufen da herum! (Lk 2,25-38) Ein alter Mann nimmt das Kind in die Arme und bricht in einen Singsang aus „Nun läßt du, Herr, wie du gesagt hast, deinen Knecht in Frieden scheiden, denn seine Augen haben das Heil gesehen ...“ Und ein uralte Frau kommt daher, eine Art Nonne, und stimmt mit ein in den seltsamen Lobpreis. Der Alte aber, zur Mutter, ein hartes Wort: „Dir aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ 

„Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ 
(Lk, 2, 19, nach dem Besuch der Hirten, und dann noch einmal 2, 51, beim Wiederfinden des zwölfjährigen Jesus im Tempel) 


Bei der Hochzeit zu Kana - Die Lehrerin

Auf einem großen Fest geht der Wein aus. Maria spürt, dass eine besondere Stunde gekommen ist. Warum sonst geht sie zu ihrem Sohn? Warum sonst wird sie zuerst abgewiesen, sogar schroff: „Was willst du von mir ... noch nicht ... “ Aber sie beharrt, hat für die Diener ein kurzes „Was er euch sagt, das tut.“ Dann tritt sie wieder in den Hintergrund. Und Jesus wirkt sein erstes „Zeichen“, ein Wunder im Dienst von Freude und Fröhlichkeit. 
Wenn wir bitten und dann tun, was Er uns sagt, wird es ein Fest sein. Das lehrt uns Maria an dieser Stelle. (Joh 2,1-12)


Unter dem Kreuz - Die Mutter 

"Stabat Mater dolorosa ..." Stand die Mutter voller Schmerzen. So beginnt der Dichter (Jacopone da Todi, manche meinen eher der Hl. Bonaventura) die Szene aus dem Johannesevangelium, unzählige Komponisten haben diese Worte vertont. 
Das muss das Schwerste sein für eine Mutter, die grausame Hinrichtung des Sohnes ansehen zu müsssen. Sie stand dort, mit dem Lieblingsjünger, kaum noch aufrecht, das Schwert durch die Seele. Doch Jesus denkt noch in der Agonie des Kreuzes and die Nächsten: Siehe, dein Sohn - Siehe, deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. (Joh 19,25-27) 
Diese Szene wurde immer paradigmatisch verstanden, in dem Sinne dass jeder Jünger Christi Maria zur Mutter hat, um mit ihr zu leben. 


Typisch christlich

Das Evangelium erzählt aus dem Leben Marias nur Fragmente, kurze Szenen. Verständlich, denn im Zentrum steht immer Jesus Christus. Es sind aber immer entscheidende Momente der Begegnung des Menschen mit Gott. Maria, wie sie uns in der Bibel gezeigt wird, ist die erste Christin, der Modellfall. Man hat das bald nicht nur im Hinblick auf einzelne Gläubigen so gesehen, sondern als "typus ecclesiae" betrachtet, als Urbild der Kirche selbst, die ja ebenso Magd des Herrn, Braut des Heiligen Geistes, Zeugin Christi, Lehrerin der Menschen und Mutter der Gläubigen sein soll. 

In der jüngsten Zeit hat man mehr Wert darauf gelegt als früher, die Marienverehrung in das theo- und christozentrische Gesamtleben der Kirche zu integrieren, und zwar nach genau diesem Muster. (Papst Johannes Paul II. schreibt in übrigens in "Mulieris Dignitatem", dass in diesem Sinne die marianische Dimension der Kirche der petrinischen vorausgeht - womit er dem weiblichen Element der Ecclesia ein neues Gewicht gibt.) Den klassischen Text für diese moderne Sicht hat das II. Vatikanische Konzil geschrieben, es ist das wunderschöne achte Kapitel der Dogmatischen Konstitution über die Kirche "Lumen Gentium"

Dieser Artikel hat versucht zu zeigen, in welcher Weise die Hochverehrung Marias organisch mit den Zentralgeheimnissen des Glaubens verbunden ist und zu diesen hinführt. Die Marienverehrung ist nicht das Ziel der Kirche, aber sie ist ein Weg, den sie seit den ältesten Zeiten beschreitet. 


Christian Berger, Jänner 2002

Anmerkung: Die Bibelstellen sind hier zum Teil frei zitiert, aus diesem Grund wurden sie im Text jeweils vermerkt, damit man sie in der Bibel nachschlagen und im Zusamenhang lesen kann).
(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)