Christian Berger, Die Welt nimmt Abschied von den Menschenrechten

Die Welt nimmt Abschied von den Menschenrechten
Die neuheidnische Gesellschaft schafft neue Sklaven


Das viel beachtete deutsche Wochenblatt “Die Zeit" ist dafür bekannt, aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen breiten Raum zu geben. Vor mehreren Wochen war darin ein Artikel zur gegenwärtigen Diskussion um die Verfügbarkeit menschlicher Embryonen für die Forschung erschienen.

Einer der Autoren, Reinhard Merkel, antwortete auf einen Artikel von Robert Spaemann, der sich gegen Versuche mit menschlichen Embryonen ausgesprochen hatte. Merkel argumentiert sehr geschickt (und sicher für die meisten Leser überzeugend!), daß der Embryo keineswegs ein schützenswerter Mensch sei. Wegen der erhofften Erfolge sei die verbrauchende Embryonenforschung sogar moralisch gefordert. Damit spricht er dem Embryo das Recht auf Leben ab. Dieser wird zum Material.

Abschied von den allgemeinen Menschenrechten? Im religionsfreien Raum ist das nur folgerichtig. Diese Rechte wurden nämlich im christlichen Kulturraum formuliert, im Licht der Idee, daß jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und aus einer Einheit von Leib und Seele besteht. 

Die erste Einsicht steht und fällt mit dem Glauben. Die zweite fällt der völlig 'unmetaphysischen Metaphysik' der Naturwissenschaft zum Opfer. In dieser modernen Sichtweise gilt der Mensch nicht viel mehr als seine Erbinformation, die DNS, vielleicht noch ergänzt durch Wechselwirkungen mit seiner Umwelt. Die Seele ist dann eine Funktion des Gehirns, der Mensch ein Zellhaufen. 

Aber woher nimmt ein Zellhaufen Menschenrechte? Das ist ein Grundproblem der 'Gesellschaft mit geplatzten Reifen', die nur noch auf den Felgen ihres Glaubens fährt. Aus wievielen Zellen der Haufen dann besteht, ist natürlich egal. Und so geht es nicht nur um das Lebensrecht der Embryonen, sondern ebenso um jenes der behinderten und sterbenden Menschen. Was ist das Auswahlkriterium? Hat nur der Rechte, der sie notfalls selbst wahrnehmen kann? Entscheidet die Fähigkeit, Spaß zu haben? 

Am unverfrorensten hat sich in dieser Hinsicht ausgerechnet der neue deutsche Kulturminister Julian Nida-Rühmelin geäußert. Er machte die Selbstachtung (!) zum Auswahlkriterium. Das ist den meisten doch zu kraß. Für viele aber sind Verfügen über Bewußtsein oder die Möglichkeit der Selbstbestimmung konsensfähige Ansätze. Wo diese fehlen wird eine Lizenz zum Töten erteilt. 

Wir leben in einer weithin neu-heidnischen Gesellschaft und sehen die Konsequenzen. Es handelt sich um einen echten kulturellen Rückschritt vom allgemeinen Gebot der Menschenliebe aufgrund des unvergleichlichen Wertes des einzelnen zu einer Auswahlgesellschaft. 

Im alten Heidentum zeigte sich das an der Einteilung in Herren, die alle, und Sklaven, die keine Rechte hatten. Eine Demokratie ist damit übrigens, wie das Beispiel der Antike zeigt, vereinbar. Es ist nur eine Frage der Definition, wer mitentscheiden darf, eine Frage der Machtausübung. Demokratie an sich garantiert gar nichts. Die Frage ist, was die Mehrheit duldet. 

Wir sehen rund um uns Menschen auf der Höhe der Zeit, die kaum noch religiöse Wurzeln haben und wenig Jenseitsperspektive. Ihr Lebensgefühl heißt Betäubung. Schon Friedrich Nietzsche hat das entlarvt: 

     "Ein wenig Gift ab und zu, das macht angenehme Träume.
     Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben."

Welche Perspektiven folgen daraus für Christen? Sie sind nicht so schlecht, wie es zunächst scheinen mag, denn in so einer Umwelt ist das Christentum groß geworden. 

Dem Opium, das man dem Volk verabreichte, stellte es ein größeres Glück gegenüber; der Skepsis einer Spätzeit die Gewißheit der Auferstehung. Seien wir also immer bereit, den Fragenden Auskunft über den Grund unserer Hoffnung zu geben! 

Dieser Auftrag geht natürlich an jeden, besonders aber an solche, die von der Kirche eine Sendung haben, mitten unter die Menschen zu gehen. Da wartet ein riesiges Arbeitsgebiet auf Pfarrer und Religionslehrer. Missionare des Lebens müssen sie sein - und zur Jugend müssen sie gehen. Sie ist ja quasi “das Leben selbst" und sie wird diese Botschaft am besten verstehen. 

(chb) Christian Berger, März 2001

(erschienen in der Vision 2000, Nr 3/2001)

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)