Christian Berger,  Die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt...

"Die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt..."


Die Stimme des Zweiten Vatikanischen Konzils

Von allen seinen Themen hat das Zweite Vatikanum als erstes den Gottesdienst behandelt und ihm unter dem Titel 'Sacrosanctum Concilium' eine eigene 'Konstitution über die Heilige Liturgie' gewidmet. Einige Zitate aus diesem Dokument:

Um dieses große Werk [Verkündigung und Vollzug des Heilswerkes, Anm.] voll zu verwirklichen, ist Christus seiner Kirche immerdar gegenwärtig, besonders in den liturgischen Handlungen. Gegenwärtig ist er im Opfer der Messe sowohl in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht - denn "derselbe bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester der sich einst am Kreuz selbst dargebracht hat" [zitiert nach dem Konzil v. Trient] -, wie vor allem unter den Eucharistischen Gestalten. Gegenwärtig ist er in den Sakramenten, so daß, wenn immer einer tauft, Christus selber tauft. Gegenwärtig ist er in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die Heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt ( ... )

Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht.
('Sacrosanctum Concilium', Artikel 7)

Nachdem auf das Wort der Verkündigung und die Werke des Apostolats hingewiesen wurde:

In der heiligen Liturgie erschöpft sich nicht das ganze Tun der Kirche; denn ehe die Menschen zur Liturgie hintreten können, müssen sie zu Glauben und Bekehrung gerufen werden ...
(Konstitution über die Heilige Liturgie 'Sacrosanctum Concilium', Artikel 9)

fährt es fort:

Dennoch ist die Liturgie der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt. ( ... )

Aus der Liturgie, besonders aus der Eucharistie, fließt uns wie aus einer Quelle die Gnade zu; in höchstem Maß werden in Christus die Heiligung der Menschen und die Verherrlichung Gottes verwirklicht, auf die alles Tun der Kirche als auf sein Ziel hinstrebt.
('Sacrosanctum Concilium', Artikel 10)

Das Zweite Vatikanische Konzil nennt den Gottesdienst, die Liturgie, Quelle und Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens und erklärt, daß kein anderes Tun der Kirche ihre Wirksamkeit an Rang und Maß erreicht. Was bedeutet das? Warum findet es zu so starken Worten? Es gibt doch noch andere Kandidaten für den ersten Rang im Tun der Kirche: Caritas, Mission und Entwicklungshilfe, Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ... Ich glaube, der Schlüssel liegt in den Worten 'die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt'. Die Kirche könnte nicht tun, was sie tut, wenn sie nicht in der Liturgie in ständigem Kontakt mit ihrem Urgrund, dem Heiligen, bliebe.

 

Was ist Heiligkeit?

Nur einer ist heilig, nur einer ist groß, nur einer ist der Herr. Er ist der Quell aller Heiligkeit. Das Wesen einer Quelle ist überfließen: Alles, was Gott berührt, empfängt von seinem Licht. Die ganze Welt ist sein Werk, ist heilig. Heilig Berg und See, heilig Baum und Gras, heilig Sonne und Wind. Heilig sind die Städte und Straßen, heilig sogar die Fabriken und Maschinen. All das geht aus der Hand des dreimal heiligen Schöpfers hervor und besitzt unvergänglichen Wert. Der Mensch schließlich ist nach dem 'Abbild Gottes' geschaffen, seine Würde ist unzerstörbar.

Damit soll das Böse, das es in der Welt gibt, nicht geleugnet werden. Die Materie erweist sich für die Zwecke des Himmels als widerborstiger Rohstoff, und der Mensch kann sich frei auch für die Verweigerung entscheiden. Trotzdem dürfen wir niemals dem gnostischen Hochmut verfallen, der alles Weltlich-Materielle für ein Übel hält. Schon die Tatsache der Menschwerdung Christi sollte uns davor bewahren. So sehr hat Gott die Welt geliebt ... daß er sie bewohnen wollte. (Übrigens: Wenn nicht auf solche Wahrheiten des Glaubens, worauf sonst will man Umweltschutz und Menschenrechte gründen?)

Wir sprechen oft von heiligen Orten, Dingen, Handlungen und Menschen, und wir tun es mit Recht. Damit verbinden wir einen spezielleren Sinn als die Würde, die jedem Ding als Schöpfung Gottes und jedem Menschen als seinem Ebenbild eigen ist. Ihnen ist die Gnade gemeinsam, daß sie in besonderer Weise dem Einzigen dienen. Sie sind ihm geweiht und sollen uns zu ihm hinführen, manchmal dürfen sie selbst ein Abglanz der Herrlichkeit sein. Daran, daß sie Gott nahe sind, nicht an irgendwelchen Vorzügen, liegt ihre Heiligkeit.

In der Praxis äußert sie sich in einem besonderen Umgang, ja in einer gewissen Scheu. Moses wußte sehr gut, wo er die Schuhe ausziehen und das Haupt verhüllen mußte. Das Heilige gehört nicht dem Alltag an. Es ist unter uns, aber wir können es nicht fassen. Könnte man sagen, es weist immer über sich hinaus und bedeutet mehr als der nackte Gegenstand? Nennen wir das Heilige eine Form verdichteter Wirklichkeit.

An den Menschen, die wir als Heilige verehren, und die doch Sünder waren, und die sich selbst durchwegs als Sünder erkannt haben, wird ein Wort besonders deutlich, das groß an die Tür jedes Heiligtumes geschrieben werden sollte: Trotzdem! Alle Heiligkeit bei uns ist eine Dämmerung, die gerade erst über der Welt anbricht. Wir können heute noch nicht wissen, was das volle Sonnenlicht zeigen wird.

 

Das Wort und die Gegenwart

Die feierliche Anbetung Gottes ist tatsächlich die Quelle der Kraft für die Bewältigung des Alltags. Die Liturgie sagt dem Volk Gottes immer neu, was es ist und wozu es sich versammelt. Wir hören Gottes Wort durch die Stimme der Kirche. Als Gemeinde hören wir den Ruf, wir antworten im Gebet und tragen ihn zum Schluß als Auftrag 'in die Welt hinaus, ins Leben', wie es im Kirchenlied heißt. Dort muß sich der soeben gefeierte und bekannte Glaube bewähren, wenn wir dem Nächsten und dem Fernsten begegnen.

Der allmächtige Gott läßt mit sich reden. Können man jemals aufhören, sich darüber zu wundern? Wir stehen nicht vor dem Weltgesetz oder einer unpersönlichen Energie, sondern vor dem dreifach personalen Gott des Christentums. Die Initiative geht von ihm aus, er spricht uns an, jeden Einzelnen, und er läßt sich von uns ansprechen. Da im Wesen Gottes eine Gemeinschaft von Personen liegt, ist es angemessen, auch als Gemeinschaft zu antworten - das ist die Kirche. Und weil ein Gespräch mit Gott für den Menschen ein eigentlich unvorstell bares Unternehmen ist, läßt Gertrud v. LeFort die Seele folgendermaßen zu ihr sprechen:

Deine Gebete sind kühner als alle Gebirge der Denker!
Du baust sie wie Brücken ins Uferlose,
Du läßt sie wie Adler ins Schwindelnde steigen.
Wie Schiffe sendest Du sie in Meere des Unbekannten,
Wie große Seeschiffe in Wildnisse voller Nebel.
(aus dem Hymnus 'Das Beten der Kirche' )

Und selbst darüber geht Liturgie noch hinaus. Was hören wir immer am Gründonnerstag? "Am Abend vor seinem Leiden - das ist heute - nahm er das Brot, sprach den Dank ..." Das ist heute! Es vollzieht sich in jeder Messe vor unseren Augen: Abendmahl, Leiden, Tod und Auferstehung - das ist alles nicht vor 2000 Jahren geschehen und abgetan und seither immer blassere Erinnerung. Erlösung ist heute, geschieht jetzt - und wir sind dabei. Vorne, auf dem Altar, ist Christus selbst mit uns, im Geheimnis seiner Liebe. Er ist wahrhaft, wirklich und wesentlich da, es geht um nicht weniger als um die Gegenwart Gottes. Wirklich ein 'Mysterium tremendum et fascinosum', das Ehrfurcht gebietet und Freude schenkt! Die Nachricht vom anwesenden Gott müssen wir unbedingt weitererzählen, denn auf dieses Geheimnis wartet die Welt.

 

Der Auftrag

Aus zahlreichen Gesprächen weiß der Autor, daß das Fundament christlichen Lebens fern- oder außenstehenden Zeitgenossen schwer zu vermitteln ist. Unserer Zeit ist die Ehrfurcht vor dem Heiligen weitgehend abhanden gekommen, und einer Kultur kann nicht viel Schlimmerers zustoßen. Hier sind wir Christen gefordert! Unsere Feier und unser ganzes Leben muß den Zeitgenossen sagen, daß es in der Welt noch ein Heiligtum gibt. Es ist ein Bezirk in Raum und Zeit, der dem Lärmen und Hasten des Alltags überhoben ist, weil dort die Welt von der Ewigkeit berührt wird. Alles, was die Kirche in vielen Jahrhunderten an Ausstattung und Riten herangebildet hat, dient dazu, diesem Zentralgeheimnis des Glaubens einen Rahmen von möglichster Schönheit und Würde zu verleihen. Das sind keine Äußerlichkeiten, sie entsprechen dem Wesen der Sache. Sprache, Gefäße, Gewänder, Bauten und Symbole - alles hat vom Besten zu sein, das Menschen hervorbringen können, wie einst der Tempel Salomos, den die Herrlichkeit des Herrn erfüllte.

Zu Schönheit und Würde muß noch die Klarheit kommen. Wir werden im Gottesdienst zu Zeugen der Erlösung, nichts darf seinen Sinn verdunkeln. Wir müssen so feiern, daß dieser Inhalt für alle erfahrbar wird. Dazu müssen das göttliche und das menschliche Element zusammenklingen, das ist die Wurzel jeder Meßgestaltung. Wir sind für unseren Anteil, den menschlichen, selbst verantwortlich und müssen dem Heiligen bei uns einen Raum schaffen. 'Bereitet dem Herrn die Wege!' Aber ein Wort zur Warnung: Liturgie geht nicht vom Menschen aus. Gott kommt uns immer schon zuvor, deswegen ist sie eine Antwort.

 

Unsere Feier

Da wir im Gottesdienst dem einzig Heiligen begegnen, sollten wir uns fragen, wie es um die Qualität unserer Riten bestellt ist. Der Autor ist Jahrgang 1970, vielleicht kann gerade aus dieser Perspektive ein interessanter Beitrag kommen.

Einer der Wünsche des Konzils ist vollständig erfüllt worden: Der Tisch des Wortes Gottes ist heute tatsächlich reich gedeckt. Die Gläubigen hören eine Lesung aus dem Alten Testament, Verse aus einem Psalm, eine Lesung aus dem Neuen Testament und das Evangelium, und das alles in ihrer Volkssprache, die sie ins Herz trifft und anspricht wie keine zweite. Ein weiser Prediger wird daraus vielfache Anregungen beziehen. Ein zweiter Wunsch hat sich ebenfalls erfüllt, nämlich die tätigere Teilnahme der Christen an der Messe. Sie verharren nicht mehr als schweigende Zuschauer oder Mitleser, sondern können der Feier jederzeit folgen. An manchen Stellen entwickelt sich sogar eine Art von Wechselrede zwischen Priester und Volk. Die Umkehrung der Zelebrationsrichtung hat dazu geführt, daß sich die Gemeinde heute mehr als früher rund um den Altar des Herrn versammelt. Das Heiligtum ist näher bei den Menschen.

Die Sache der Kirche hat durch diese Änderungen meines Erachtens viel gewonnen, weil sie die Meßfeier selbst stärker zu Verkündigung und Katechese machen. Realistischerweise muß aber hinzugefügt werden, daß ein taubes Herz auch dann nicht hört, wenn die Sprache des Volkes durchgängig verwendet und noch so oft zur Teilnahme eingeladen wird. Der Mensch muß von sich aus bereit sein, sich auf den 'ganz Anderen' einzulassen, sonst ist jeder Liturge verloren. Gerade hier sehe ich ein Hauptproblem unserer Zeit!

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Ich bin zweifellos nicht ausreichend qualifiziert, um theologisch zu argumentieren. Schon das menschliche Taktgefühl verlangt aber anzuerkennen, daß die Sturzgeburt der Veränderungen nach dem Konzil die Gefühle zahlloser auch gutwilliger Menschen verletzt hat. Wir spüren in dem damaligen Vorgehen den übergroßen Fortschrittsoptimismus der 60'er Jahre und schütteln leise den Kopf. Bei gar nicht so wenigen ist das Andenken des 'Sacrosanctum Concilium' leider bis heute durch diesen Schmerz verdunkelt.

Aber die Katholische Kirche hat in den Jahren von 1962 bis 1965 weder begonnen noch aufgehört, wahrhaft christlich zu sein!

 

Mehr als Worte braucht der Mensch

Dem vorurteilsfreien Beobachter muß auffallen, welch großes Gewicht heute den Worten zukommt. Sowohl das Schweigen als auch die heiligen Zeichen sind an den Rand gedrängt worden, und das gerade in unserer lauten Zeit, in der die viel zu vielen Worte das Wort zu ersticken drohen. Die Zeremonie aus Gesten, Handlungen, Weihwasser, Bildern, Räucherwerk, Kerzen, die jahrhundertelang alle Sinne der Gläubigen angesprochen hat und die heute unter dem Titel 'Ganzheitlichkeit' zu neuen Ehren kommen könnte, ist radikal vereinfacht worden.

Die Psychologie hat aber mittlerweile sehr wohl erkannt, wie lebenswichtig Rituale für den Menschen sind. Kluge Liturgen haben die neuen alten Weisheiten eingesehen und holen aus dem Schatz der Kirche hervor, was dem einundzwanzigsten Jahrhundert genauso sinnfällig ist wie dem elften. Sie leisten damit einen wertvollen Dienst, weil sie den Entwurzelten Halt bieten, die sich sonst auf ihrer Suche in den entlegensten Angeboten verlieren würden.

Christian Berger (chb)
Wien, März 1998

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)