Christian Berger, Russische Impressionen

Russische Impressionen

Auch wir machen manchmal Urlaub.
Christian Berger schreibt über seine Reise nach Russland. 


Liebe Kathsurfer, 

Wie ihr wisst, war ich heuer auch schon eine Zeitlang in den USA. Ich habe dort unter anderem in St.Petersburg, Florida, das Salvador-Dali-Museum besucht, wo z.B. das Monumentalgemälde "Das II. Vatikanische Konzil" ausgestellt ist. Dali war nämlich - wenn auch auf etwas surrealistische Weise - ein Katholik. 

Nach einem kurzen Gastspiel in Mitteleuropa, auf einer technischen Konferenz in München, bin ich dann in den meiner Meinung nach wohlverdienten Urlaub aufgebrochen, der mich auch wieder nach St.Petersburg geführt hat, diesmal aber in das Russische.

Erstens: In der Eremitage war ich nicht. An dem Tag, als wir hingehen wollten, waren nämlich die Präsidenten Bush und Putin drinnen, und damit wurde das Haus als voll betrachtet. Ich habe aber viele andere Paläste, Museen und Kirchen gesehen. (Die Unterscheidung ist nicht immer eindeutig.) Da wäre zum Beispiel die gigantische Isaaks-Kathedrale, die dem Mönch Isaak von Dalmatien geweiht ist, weil zufällig Peter der Große an seinem Gedenktag geboren wurde.

Das gibt übrigens schon die Geschmacksrichtung der alten russischen Politik an: Während man sich in Österreich etwas einbremste und die Kultur des Unvollendeten (Stephansdom!), der Sparversion (Schönbrunn!) und des Provisoriums (Riesenrad!) pflegte, gab man sich in Russland den Freuden der Autokratie bis ins späte 19. Jahrhundert hin. Das Zarenhaus hat in späten und schwachen Nachkommen mit dem Tod dafür bezahlt, die Habsburger leben.

Zweitens: Die Hälfte der Sehenswürdigkeiten stehen unter Gerüst. St. Petersburg wurde nämlich von Zar Peter dem Großen im Jahre 1703 gegründet, daher fiebert man der 300-Jahrfeier kommen-des Jahr entgegen. Wegen Renovierung geschlossen war z.B. die schöne katholische Katharien-Kirche direkt an der Hauptstraße, dem Alexander-Newskij-Prospekt. Ganz in der Nähe gibt es auch eine armenische Kirche, deren Restauration schon abgeschlossen ist. Überhaupt sind viele Glaubensrichtungen vertreten, es gibt auch eine prachtvolle Moschee. Schließlich war St.Petersburg die Hauptstadt eines großen Reiches!

Drittens: Ich habe überhaupt nur die Hälfte der Sehenswürdigkeiten besichtigen können, die Stadt ist einfach zu reich um in einer Woche alles zu machen. Außerdem war das Wetter die ganze Zeit so prachtvoll, dass man sehr gern draußen geblieben ist, um das Stadtbild wirken zu lassen. Der Palast von Peterhof draußen vor der Stadt in seinem Park mit unzähligen Fontänen stellt Schönbrunn mit Leichtigkeit in den Schatten.


Mein Hotel “Moskwa” war gut ausgestattet und stand in bester Lage, direkt gegenüber dem Alexander Newskij Kloster. Das ist ein richtig großer Klosterkomplex, aber mitten in der Stadt, Bauten und Ausstattung, wie so oft in St.Petersburg, im westlichen Stil. Man braucht schon einen zweiten Blick, um zu erkennen, dass man sich nicht in einer katholischen Barockkirche befindet. Besonders die Gemälde waren sehr Kremser Schmidt  :-) 

Die Newskij-Lawra ist eines der angesehensten Klöster von ganz Russland. In einer Broschüre rühmt es sich, dass aus seinen Mauern Bischöfe hervorgegangen sind und auch drei Vollmitglieder der Akademie der Wissenschaften von St. Petersburg. 

Selbst die großen Toten sind dort versammelt. Auf dem Klosterfriedhof habe ich nicht nur das “mächtige Häuflein” der russischen Musik gefunden: Mussorgsky, Rimsky-Korsakow, Borodin ... sondern sogar die Gräber von P.I.Tschaikowsky und F.M.Dostojewski!

Aber vor allem ist es doch ein Kloster, und wir hatten zweimal die Gelegenheit, wenigstens einem Teil der "Göttlichen Liturgie" beizuwohnen. Die eindrucksvolle Art dieser Feier, vollzogen zumeist nach dem Ritus des Hl. Johannes Chrysostomus,  mit dem steten Wechselgesang von Priestern und Chor kannte ich ja schon, und zwar von zwei Gelegenheiten.

Im Vorjahr war ich zu Christi Himmelfahrt in Eichstätt, einer kleinen Bischofs- und Universitätsstadt in Bayern. Dort gibt es ein "Collegium Orientale" für Priesterkandidaten der unierten Kirchen des Ostens. Es hilft der Catholica, wirklich mit beiden Lungenflügeln zu atmen. Man verwendete dort in der Seminarkapelle Übersetzugen in die deutsche Sprache, was mir als Erstbesucher natürlich eine große Hilfe war. Einige Monate später besuchte das Oberhaupt der ukrainisch-katholischen Kirche, Kardinal Lubomyr Husar, seine Gemeinden in Österreich. Ich war in Wien beim Gottesdienst in St.Barbara dabei.

Der Chor, der seitlich vorne zu sehen war bestand nur aus fünf Männern, die den weiten Raum stimmlich überraschend gut füllten. Die Gesänge kamen dem Besucher typisch russisch vor: tief, getragen, mystisch, andächitg ... nur hat mich zum Schmunzeln gebracht, dass die fünf Freunde sie in sehr legerer Haltung vortrugen, der eine oder andere bequem an einer Säule lehnend. Auge und Ohr wurden zwei sehr verschiedene Eindrücke geboten.  ;-) 

Bei einem der beiden Gottesdienste wurde den Gläubigen auch die Kommunion gereicht. Wie es schien, unter beiderlei Gestalt, aber vermischt, denn der Spender verwendte einen Löffel. Zufällig betraten wir später auch die völlig neu hergerichtete Evangelisch-Lutherische Marienkirche, als dort gerade das Abendmahl gereicht wurde. Die Gläubigen empfingen es ehrfürchtig auf den Knien. Bei uns geht es in Regel protestantischer zu!


Die Isaaks-Kathedale - fertiggestellt 1848, heute ein Museum - ist ein menschenfeindliches Bauwerk. Ein übrig gebliebener französischer Revolutions- und Empirearchitekt, zu dem Hans Sedlmayr im "Verlust der Mitte" sicher ein paar passende Bemerkungen eingefallen wären, hat zum dafür ausgeschriebenen Wettbewerb zwei Dutzend Entwürfe in allen möglichen Stilen eingereicht und mit einem davon gewonnen. Herausgekommen ist ein napoleonischer, bei allem Prunk seelen-erkältender Bau, der genausogut mitten in Paris stehen könnte. Der Architekt hat eindeutig alles getan, damit der Beschauer sich klein vorkommt: Vorspiel zu den Ideologien jenes Jahrhunderts.

Der Zentralkuppelbau - angeblich der größte seiner Zeit - ist etwa hundert Meter hoch. Man betritt ihn von allen Seiten durch einen ganzen Wald von ungeheuren Säulen, zwischen denen man als Besucher Gelgenheit findet, so richtig einzuschrumpeln. Das Ganze erhebt sich auf einem Podest über dem weiten Platz, und sogar die Stufen, die da hinaufführen, sind perfiderweise viel zu hoch für Sterbliche: Lasst alle Hoffnung fahren ... Noch im Barock hätte es das nicht gegeben, das Barock baute für Menschen.


Die eindrucksvollste Sehenswürdigkeit, die ich auf dieser Reise gesehen habe, ist die Christi-Auferstehungs-Kathedrale "Auf dem Blute", errichtet genau an der Stelle, wo im Jahr 1881 Zar Alexander II. ermordet wurde. Die Votivkirche in Wien stammt ja aus derselben Zeit und erinnert an ein mißlungenenes Attentat auf Kaiser Franz Joseph.

Hier wie dort griff man auf Architekturformen der großen Vergangenheit zurück. In Wien war es die Gotik, in St.Petersburg der prächtige altrussische Stil, den man besondrs von der Basilius-Kathedrale in Moskau kennt.  Die Auferstehungskathedrale ist von außen mit ihrer roten Farbe, den farbenprächtigen Zwiebeltürmen und reichen Vergoldungen ein prominentes Wahrzeichen, von innen eine wahre Schatzkammer mit 9000 Qadratmetern Mosaiken und wertvollen Steinmetzarbeiten. Die Kommunisten nutzten die Kirche als Lagerhaus, erkannten aber schon in den 70ern, dass es lukrativer war, sie als Museum zu führen.


Sogar ein Museum für die Geschiche des Atheismus war die Kathedrale der Muttergottes von Kazan (es scheint, jede große Kirche in Russland heißt Kathedrale!)  In einem Akt der Gerechtigkeit wurde sie an die Kirche zurückgegeben und dient heute wieder den Gläubigen. Architektonisch ist sie mit ihrem Kolonnaden-Halbkreis, der den Platz wie mit zwei Armen umfaßt, die Antwort auf St. Peter in Rom. Wie ich höre befindet sich das Original des Gnadenbilds der Muttergottes von Kazan nach langer Irrfahrt heute im Westen und der Heilige Vater würde es liebend gern zurückbringen.

Allerdings derzeit ... die Beziehungen der Russisch Orthodoxen Kirche zu Rom sind überaus gespannt. Das Patriarchat in Moskau sieht in der Arbeit der Katholiken in Russland eine Herausforderung und quasi Hausfriedensbruch. Als eine Nationalkirche besteht sie nämlich auf dem Prinzip des "kanonischen Territoriums" und ist nicht erfreut über die Präsenz anderer Religionsgemeinschaften. 

Ich kann darum sagen, ich war an einem der Orte, die heute selbst dem Papst verschlossen sind. Umso bemerkenswerter fand ich es, dass an dem Schriftenstand in der Kirche eine Fatima-Broschüre in russischer Sprache verkauft wurde. Ich habe das Gnadenbild auf dem Titelblatt sofort erkannt und konnte auch den Namen buchstabieren.


Ich habe aber nicht nur St.Petersburg gesehen, sondern nach dieser riesengroßen und doch recht hektischen Stadt die Stille Kareliens genossen. Diese Teilrepublik der russischen Föderation war einst auch politisch ein Teil Finnlands, landschaftlich ist sie das jederzeit. Der Dreiklang aus Wald, Granit und Wasser prägt den herben Charakter dieses Landes.

Die Hauptstadt von Karelien heißt Petrozavodsk und ist etwa mit Linz oder Graz vergleichbar. Es ist eine sehr grüne Stadt, die ich Anfang Juni im schönsten Frühling angetroffen habe. Auf das Jahr genau gleich alt wie St.Petersburg und von demselben Herrscher als früheste Industriesiedlung gegründet, liegt sie am Ufer des tiefblauen Onegasees

Natürlich geht es dor etwas bescheidener zu als in der Kaiserstadt St.Petersburg, aber auch hier wird im Hinblick auf die 300-Jahr-Feier überall gebaut und renoviert. Die frisch vergoldeten Kuppeln der orthodoxen Kathedral sieht man weithin über den Park (einen von vielen!) hinweg glänzen, der Innenraum empfängt den Besucher mit leuchenden Farben.

Auch hier haben wir eine katholische Kirche gefunden, ziemlich zentral gelegen, nur leicht zurückgesetzt von einer der Hauptstraßen - ich weiß icht mehr, ob es die nach Marx oder die nach Lening benannte war - auf einem kleinen Platz. Sie wurde im 19. Jahhundert von den und für die polnischen Gastarbeiter errichtet. Wie die meisten wurde sie von den Kommunisten enteignet und profaniert, aber wenigstens nicht zerstört. Bis heute ist sie eine Art "Haus der Begegnung" im kommunalen Dienst, aber man hat sich darauf geeinigt, dass sie am Sonntag für die Messe zur Verfügung steht.

Petrozavodsk hält auf sich: Man hat Universität, Theater, Symphonieorchester (angekündigt war ein Schostakowitsch-Konzert) und man hat Partnerstädte in aller Welt, mit denen man moderne Skulpturen als Geschenke austauscht. In einem Park am Ufer des Sees stehen sie aufgereiht. 

Überall in Karelien mischen sich die Kulturen Russlands und Finnlands, und überall trifft man auf Spuren und Denkmäler des finnischen Nationalepos “Kalevala”. Ich besitze eine Prosa-Kurzfassung davon mit dem Untertitel “Die Zaubermacht des Gesangs”. Tatsächlich übt dieses Epos, das eigentlich eine erst im 19. Jahhundert erfolgte Sammlung uralter epischer Lieder ist, einen eigenen Zauber aus. Sie hat z.B auch J.R.R. Tolkien begeistert, und ich schreibe seinen Schöpfungsmythos, in dem die Welt des "Herrn der Ringe" aus einer Musik der großen Geister entsteht, diesem Einfluss zu.


Doch Karelien, das ist vor allem Landschaft, ein Dreiklang aus nordischen Wäldern, dunklem Urgestein und tiefblauen Seen, von denen der Onega nur einer ist.  Über diesen See sind wir mit dem Tragflächenboot nach Kizhi gefahren. Diese Insel beherbergte einst ein bedeutendes Kloster. Die Bauten sind in reiner Holzbauweise ausgeführt, ohne einen einzigen Nagel, wie man mir sagte, doch die Hauptkirche türmt sich Kuppel über Kuppel viele Stockwerke hoch empor.

Als bedeutendstes Kulturgut von Karelien wurden dieBauten auch von den Kommunisten erhalten, die rundherum ein sehr weitläufiges Freiluftmuseum der bäuerlichen Holzbaukunst anlegten. Die Höfe haben alle Bereiche, Stallungen, Speicher, Wohnräume, in einen Baukörper integriert und erinnern damit stark an jene in unseren Alpen - wohl wegen der ähnlichen Klimabedingungen.

Das ganze Ensemble zählt heute zum Weltkulturerbe der UNESCO, doch hat man eine Nebenkirche von Kizhi wieder für den Gottesdienst zugänglich gemacht. Und an einer Kapelle, die man von weit her antransportiert und hier auf die grüne Wiese gestellt hat, sah ich - Museumsstück hin oder her - einige Beter des frommen Priesters gedenken, der dort einstmals gewirkt hat: 

Das ist die Seele Russlands.


Grüße, Euer Christian   :-)

 

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)