Christian Berger, Pilgerschaft - Der Weg der Gläubigen

Pilgerschaft - Der Weg der Gläubigen

Am 31. Juli und 1. August 1999 findet die große Österreich-Wallfahrt auf den Sonntagberg im Mostviertel statt. In Zeiten, die für die Kirche unseres Landes nicht einfach sind, soll es die Möglichkeit geben, sich auf die Fundamente des Glaubens zu besinnen und ihn gemeinsam zu feiern. Der Sonntagberg ist einer der schönsten Wallfahrtsorte des Landes und eignet sich da-her besonders dazu, die Menschen mit einem Vorrat an Zuversicht auszustatten.

Wallfahrten sind eine uralte Tradition, die sich in vielen Religionen findet. Der Kirchenge-schichtsschreiber Eusebius berichtet über den kappadokischen Bischof Alexander, der sich bereits im Jahr 212 auf den Weg nach Jerusalem machte. Die Spanierin Etheria fand um 400 schon eine 'Infrastruktur' für Wallfahrer vor, als sie ebenfalls das Heilige Land besuchte. Die Tradition der Reise an heilige Orte durchzieht die Geschichte. Immer wieder, bis in die neueste Zeit, entstanden neue Wallfahrtsheiligtümer.

Das Pilgern ist heute nicht abgetan und zur Vergangenheit zu rechnen. Im Gegenteil, gerade die letzten Jahre sahen eine Wiederbelebung dieser christlichen Frömmigkeitsform, speziell sogar der klassischen Fußwallfahrt. Ein ganz simpler Beleg für das neue Interesse ist der An-klang, den Vorträge heimgekehrter Wallfahrer finden. Wer vielleicht sogar den Jakobsweg gegangen ist, den alten, mehrere hundert Kilometer langen Pilgerweg durch Nordspanien nach Santiago de Compostella, findet zuhause immer ein interessiertes Publikum.

Die christliche Wallfahrt bleibt aktuell. Ein Grund dafür ist die besondere Struktur der Offenbarung Gottes an sein auserwähltes Volk:

Der Herr sprach zu Abram: Ziehe weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. (Gen. 12,1)

Am Anfang der Bundesgeschichte macht Gott Abram, der später Abraham, 'Vater von Vielen', wurde, zu einem Pilger. Das Volk Israel, das ihn als Stammvater verehrte, betrachtete später die Befreiung aus Ägypten und die Wanderung durch die Wüste als entscheidende Ereignisse seiner Heilsgeschichte. Gerade das 'wandernde Gottesvolk' ist von der Theologie unserer Tage wiederentdeckt und als Bild für die Kirche besonders betont worden. Eine lange Fußwallfahrt bietet die Gelegenheit, ihm in der konkreten Erfahrung nachzuspüren. Learning by doing, so nennt man das heute.

Schon an der zitierten Stelle des Buches Genesis und später in großen Teilen des Buches Exodus werden Grundzüge von Pilgerschaft deutlich: Zuerst gibt es einen asketischen Aspekt, die Aufforderung, alles das zurückzulassen, woran das Herz sonst hängt: Heimat, Familie, Besitz - kurz die gewohnte Sicherheit, die das Volk meinte, als es sich in einer schwachen Stunde an die Fleischtöpfe Ägyptens zurücksehnte.

Der Pilger ist notgedrungen mit leichtem Gepäck unterwegs. Damit ist er gleichsam von sich selbst losgelöst. Er kann nicht auf das setzen, was er hat, sondern nur auf das, was er ist. Jede Begenung auf den unbekannten Straßen wird zum Testfall. Da ist keine Funktion oder beruf-liche Stellung, Person trifft Person. Solche Begenungen sind ganz offen, jede kann zum persönlichen Wendepunkt werden.

Der Pilger irrt aber nicht einfach umher, er hat ein Ziel, "das Land, das ich dir zeigen werde". Er kennt es nicht aus eigener Erfahrung, sondern glaubt einer Verheißung. Nur weil er glaubt, kann er aufbrechen, nur weil er glaubt, nimmt er Schritt um Schritt die Mühen der Wanderung auf sich. Der Weg ist nicht das Ziel, und der Pilger sucht nicht sich selbst. Es kommt vor, daß er sich verirrt, aber er weiß, wo er hinwill. Pilgern hat eine eschatologische Dimension, es ist ein Bild für das christliche Leben an sich. Sein Wert liegt darin, daß es den ganzen Menschen betrifft, vom Kopf bis zu den Füßen (die aber besonders). Wallfahrt ist keine blutleere Speku-lation, sondern eine anstrengende Erfahrung.

Im Lauf der Jahrhunderte wandelte sich manches am Charakter von Wallfahrten. In ruhigen, gesicherten Verhältnissen führt es den Menschen nicht mehr bis an seine Grenzen. Es kann zu einem angenhmen Gemeinschaftserlebnis werden. In dieser heitereren Form hat es die europäi-sche Kultur mitgeprägt. Geoffrey Chaucer beschreibt es in seinen "Canterbury-Geschichten", einer Sammlung von Verserzählungen, dargeboten von Personen, die nach Canterbury zu den Reliquien des Hl. Thomas Becket pilgern. Solche Gesellschaftswallfahrten waren im mittel-alterlichen England unglaublich beliebt. Nicht anders war es auf dem Kontinent, sodaß der Autor des geistlichen Wegweisers "Nachfolge Christi" etwas säuerlich bemerkt: "Die viel auf Wallfahrt gehen, werden selten heilig." Doch nirgendwo steht geschrieben, daß Pilger nicht fröhlich sein dürfen!

Wallfahren, das ist auch in der Tradition unseres Landes immer mit Freude verbunden. Die Wallfahrt auf den Sonntagberg soll zu einem Fest werden, bei dem die Gläubigen Freude an der Kirche haben. Wenn sie zu Fuß zur Basilika hinaufsteigen und ins Land hinunterblicken, werden sie etwas erkennen, das man sonst leicht übersieht, weil es so offensichtlich ist: Die Welt ist groß. Mit dieser Erfahrung, die sich im Jet nach Übersee einfach nicht machen läßt, ist schon viel getan für eine Zeit, die so vieles zerredet und klein macht: Die Welt ist groß. (chb)

Wien, Juni 1998.

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)