Walter M. Miller jr., Lobgesang auf Leibowitz

Walter M. Miller jr. "Lobgesang auf Leibowitz"

Auf der Suche nach unterhaltsamer Ferienlektüre mit Tiefgang? Falls ja, möchte ich Ihnen den Roman "Lobgesang auf Leibowitz" von W. M. Miller jr. empfehlen. Der Autor war Amerikaner und unter jenen Piloten, die 1944 die Angriffe auf das Kloster Monte Cassino flogen, den Stammsitz des Benediktinerordens. Ein späterer Besuch an dieser Stätte - völlig zerstört, aber originalgetreu wieder errichtet - erschütterte und regte ihn zu seinem Werk an. 

Der erste der drei sehr selbständigen Teile des Romans, "Fiat Homo", spielt sechshundert Jahre nach dem Atomblitz und der darauf folgenden "Großen Vereinfachung", also der brutalen Liquidierung aller Wissenschaft (und der Wissenschaftler), die man für das Elend verantwortlich machte. Auf diese dunklen Zeiten folgte ein neues Mittelalter, und das Kloster des Seligen Leibowitz hat es sich zum Ziel gesetzt, möglichst viel vom Wissen der Vergangenheit zu bewahren. Die Mönche verstehen diese Wissen nicht, aber sie sitzten unter der Regierung ihres gestrengen Herrn Abtes (der auch nchts versteht) Jahr um Jahr in Schreibstube und Bibliothek. 

Bruder Gerard von Utah entdeckt während seiner Fastenexerzitien in der Wüste einen alten Bunker und - als er unter Anrufung aller Heiligen und in Furcht vor einem sagenhaften Ungeheuer namens "Radioaktiver Niederschlag" dort hinabsteigt - Reliquien des Ordensstifters. Er ist nachmals fünfzehn Jahre lang beschäftigt, einen Schaltplan (der Sel. Leibowitz war wohl Elektriker ...) in eine kostbar illuminierte Handschrift zu kopieren. Dafür wird ihm die Ehre zuteil, an der Heiligsprechung von St. Leibowitz durch den Papst teilzunehmen.

Der zweite Teil, "Fiat Lux", spielt sechshundert Jahre später, in einer Art Renaissance. Der gelehrte Thon Taddeo kommt in das Kloster, um die alten Manuskripte zu studieren. Er ist der illegitime Halbbruder eines skrupellosen Potentaten nach dem Zuschnitt Macchiavellis, den er insgeheim verachtet, und dem er doch dient, weil dieser die Forschung fördert. Vor allem übrigen verschließt er die Augen. 

Thon Taddeo, der kühle, ein wenig eitle und zynische Akademiker, trifft im Kloster auf den alten Abt Dom Paulo und einen Klosterbruder, der nach eigenen Plänen eine elektrische Bogenlampe konstruiert hat (eine der witzigsten Stellen des Buches!). Die beiden Seiten verstehen einander, doch sie kommen nicht überein. Es ist der schicksalhafte Moment der Geschichte, wo sich Wissen und Technik der geistlichen Autorität und Disziplin neuerlich entziehen: vorgeblich, um selbständig zu werden, praktisch aber, um von der weltlichen Macht benutzt zu werden.

Im dritten Teil der farbenprächtigen und fabulierfreudigen Geschichte sind abermals sechshundert Jahre vergangen. Wir stehen in einer modernen Zeit, die Großtechnologie und Raumfahrt kennt - und wieder die Kraft des Atoms. Der Titel des Abschnitts lautet "Fiat Voluntas Tua", gemeint ist hier wohl der Wille des Menschen. (Der Autor behandelt hier in einer Nebenhandlung seines gar nicht so neuen Buchs eindringlich das Thema der Euthanasie.)

Es scheint, daß es nichts Neues gibt unter der Sonne und der ganze Fortschitt nur Windhauch ist. Miller war ein Pessimist, zweifellos. Aber er war zugleich ein großer Geschichtenerzähler mit Humor und Ironie - und ein Christ, deshalb entläßt er den Leser nicht ganz ohne Hoffnung. Mehr möchte ich aber gar nicht verraten - lesen sie selbst. (chb)
(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)