Bruce Marshall, Das Wunder des Malachias

Glauben Sie an Wunder? Nun, der ehrwürdige Pater Malachias vom Orden des Heiligen Bendikt tut es, und er tut es nicht nur in der Stille seines schottischen Klosters, sondern auch in der Großstadt Edinburgh, wohin er gerufen wird, um eine ungelehrte Kirchengemeinde im Gregorianischen Choral zu unterrichten. Die Pfarrkirche der Hl. Margarete v. Schottland, an der er als Gast wirkt, hat zwei spezielle Nachbarn: eine protestantische Kirche und ein an sich harmloses Tanzlokal namens "Garten Eden" - doch beides für den Pfarrer, Hw. Geoghegan, Quellen düsterer Betrachtungen. Insbesondere gegen das "Tingeltangel" zu predigen wird er nicht müde.

P. Malachias ist ein viel milderer Mann, der allen Menschen das Gute unterstellt. Und so beginnt er eines Abends, als er zufällig dem Geistlichen der protestantischen Nachbarkirche begegnet, ein Gespräch. Es stellt sich aber heraus, daß dieser Pastor den Lehren Rudolf Bultmanns und seiner Schule anhängt, wonach es nicht möglich sei, in einer Welt des elektrischen Lichts zu leben zund zugleich die Wunder der Bibel zu glauben. P. Malachias ist betroffen, mehr noch, er ist bestürzt, und in der Tiefe seines Schmerzes über den Unglauben in der Welt macht er seinem Gesprächspartner folgendes Angebot: am nächsten Abend werde er mit der Hilfe Gottes den "Garten Eden" durch ein Wunder an einen beliebigen, ihm zu bezeichnenden Ort versetzen. Denn nicht wahr, wenn der Glaube auch nur so groß ist wie ein Senfkorn und er spricht zu dem Berg: Hebe dich hinweg, dann ...

Als er sein etwas voreiliges Versprechen zu Hause mitteilt, ist es allerdings an Hw. Geoghegan und seinen Kaplänen, bestürzt zu sein. Allein, sie lassen den Mut nicht sinken, und am nächsten Abend haben sie tatsächlich Gelegenheit, dem Herrn ein Te Deum zu singen, nachdem das Tanzlokal leicht und sachte wie eine Feder nach dem "Bass Rock", einem Felsen draußen im Meer, entschwebt ist.

Jetzt glaubt sich unser Gottesmann am Beginn eines goldenen Zeitalters, denn wenn die Menschen sich einem so großen, so offenbaren Wunder gegenüber sehen, dan MÜSSEN sie doch glauben... Jedoch mitnichten - denn die meisten haben es ja nur in der Zeitung gelesen, und was in der Zeitung steht, kann auch eine Ente sein. Letztlich waren harte Fakten noch nie besonders geeignet, tiefsitzende Vorurteile zu zerstreuen.

Die Hierarchie ist sehr vorsichtig: Seine Gnaden, der zuständige Bischof von Midlothian, glaubt die ganze Geschichte nur, weil sein durchaus agnostischer leiblicher Brude zufällig im Garten Eden anwesend und somit Augenzeuge der Luftfahrt war. Ihre Eminenzen, die Kardinäle von London, Paris und Madrid äußern sich auf Anfragen der Presse extrem zurückhaltend.

Mit einem Wort, außer einem großen Presserummel war nicht viel. Und als der Besitzer des "Garten Eden" einerseits mit einer Klage auf hunderttausend Pfund Verdienstentgang droht, während ein findiger Unternehmer aus dem Show-Biz einen Haufen Geld für die Theater- und Filmrechte an dem Wunder anbietet, dämmert es P. Malachias, daß die Methoden der herkömmlichen Großstadtpastoral vielleicht doch angemessener gewesen wären. Kurz und gut, er geht wieder auf die Knie und bittet den Himmel, den "Garten Eden" doch wieder dorthin zu bringen, wo er immer schon war. Seine Bitte findet Erhörung, und so blieb die Welt, schließt der Roman, "was sie immer schon gewesen ist: eine ziemlich mißglückte Art von Aufenthalt."

(chb)

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Bemerkung: Das Buch ist heute vergriffen. Da es einmal ein Bestseller war, dürfte es aber in öffentlichen Bibliotheken und in vielen Antiquariaten vorhanden sein.
(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)