Oswald Spengler, Untergang des Abendlandes

Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" stellt den Rezensenten vor eine schwierige Aufgabe: Wie soll man den Inhalt von 1200 Seiten Geschichtsanalyse in wenigen Absätzen zusammenfassen? Vielleicht, indem man zuerst an einem Beispiel darstellt, was das Buch will: Kolumbus hat 1492 Amerika entdeckt. Das ist ein Faktum, wie es die Kinder in der Schule auswendig lernen. Daß er dabei gerade von Spanien unterstützt wurde und daß diese Entdeckung binnen weniger Jahrzehnte zu einer tiefgreifenden Änderung der geistigen Weltkarte führte, während der Besuch einiger Wikinger Jahrhunderte früher ganz wirkungslos geblieben war - das ist Geschichte.

Spengler verarbeitet ein unglaublich reichhaltiges Material, er breitet Kapitel um Kapitel aus über die Geschichte der Kunst, der Religion, des Staates, der Technik ... Seine Grundthese: Alle Kulturen entwickeln sich, ählich wie lebende Wesen, in immer gleichen Stadien und haben eine natürliche Lebensdauer. Spengler schätzt sie auf etwa tausend Jahre. Dafür zieht er Belege aus der ägyptischen, indischen, chinesischen Kultur heran, aus der griechischen Antike,
aus dem Abendland - die Aufzählug ist nicht erschöpft. Das Abendland, die "faustische Kultur", ist demnach in ihr letztes, das weltstädtisch-zivilisatorische Stadium eingetreten. Von daher der Titel, der ja zum (in der Regel mißverstandenen) Schlagwort geworden ist.

Spengler spricht von einer "Morphologie der Weltgeschichte". Er will geistige Grundlagen herausarbeiten und die Fakten deuten. Damit macht er sich natürlich viel angreifbarer als der bloß gelehrte Sammler und Aufschreiber von Geschehenem. Dementsprechend hat das 1918 in einer ersten, später noch stark überarbeiteten Auflage erschienene Werk viele Diskussionen hervorgerufen. Schon 1922 konnte es ein "Vorwort zur 33. - 47. Auflage" (!) geben. Das zeigt, wie begierig das Buch in jenen Jahren des Umbruchs gelesen wurde.

Man hat dem Buch oft den Vorwurf des Pessimismus gemacht. Das erscheint unfair. Wenn Spengler recht hat - und dieses Wenn wäre zu diskutieren - dann zeigt es bloß den Realismus eines Greises, der weiß, daß er nur noch wenige Jahre vor sich hat und der ebenso weiß, daß die Welt sich auch ohne ihn weiter drehen wird. Die Kritikpunkte liegen anderswo.

Zum einen ist die große Stärke des Werks gleichzeitig seine Schwäche: Indem es sich auf das konzentriert, was allen Kulturen gemeinsam ist, verliert es aus den Augen, was in jeder Zeit einmalig und nicht wiederholbar ist. Zum zweiten neigt Spengler zu einer ausgesprochenen Herrenmoral. Recht hat letztlich immer der Stärkere, der Täter, der den rechten Augenblick zu packen weiß. In vielen Gedankengängen schließt er sich an Nietzsche an, auf den er sich im erwähnten Vorwort ausdrücklich beruft: "Ich habe aus seinem Ausblick einen Überblick gemacht." Es wird viele geben, die ihm nicht in die Regionen jenseits von Gut und Böse folgen wollen.

"Der Untergang des Abendlandes" ist vor mehr als 80 Jahren geschrieben worden. An zahlreichen Stellen kann auch der heutige Leser die Einsicht des Autors nur bewundern. Ein so klarer Durchblick, der sich dann noch sprachlich in sicher gewählten und starken Bildern ausdrückt, wird gemeinhin den Dichtern zugeschrieben, nicht den Privatgelehrten, wie Spengler einer war. Wieder und wieder werden aufgrund der wahrhaft enzyklopädischen Bildung des Autors Zusammenhänge ans Licht befördert, die einer oberflächlichen oder kolportagehaften Betrachtung regelmäßig entgehen.

Natürlich gibt es daneben Stellen, wo Prognosen sich vorerst nicht erfüllt haben, Analysen zu hart sind, wo die Entwicklung eine andere Richtung genommen hat. Spengler hätte wohl als Erster zugestehen sollen, daß eine Kultur als ein lebendiges Wesen sich nicht starr an ein Schema zu halten braucht - nicht einmal an sein eigenes. (chb)

(c) Mag. Christian Berger, Kathsurf (www.kathsurf.at)