Die drei Wege

Es war einmal eine junge Archäologin, die sich bei Ausgrabungen in Ägypten beteiligte. Die Ausgrabungen fanden auf der Halbinsel Sinai statt, nahe dem Berg Horeb, wo Mose die "Zehn Gebote" erhalten hatte. Es war eine gebirgige Gegend und an ein paar freien Tagen beschloss sie eine Wanderung zu machen. Sie nahm sich ein paar einheimische Beduinen mit und vor allem genug Wasser.

Am zweiten Tag schlugen sie mitten im Gebirge ihr Nachtlager auf und als die Sonne aufging und die junge Frau aufwachte, sah sie ungefähr zwanzig Meter entfernt, einen Felsspalt. Da die Archäologin von Natur aus eine neugierige Person war, nahm sie ihre Taschenlampe und zwängte sich in die Spalte hinein. Denn groß war sie ja nicht. Als sie sich im Felsspalt befand, war sie sehr über die Geräumigkeit der Höhle überrascht. Sie leuchtete mit der Taschenlampe umher und fand ein paar Tonscherben, wo Spuren darauf hinwiesen, dass hier schon einmal Menschen waren. 

Das machte sie noch neugieriger und wagte sich daher etwas weiter in die Höhle hinein. Als sie mit der Taschenlampe so um sich leuchtete, fand sie plötzlich in einer Nische einen verschlossenen Tonkrug. Sie packte sich das Ding und sah zu, dass sie wieder ins freie kam.

Draußen öffnete sie vorsichtig den Tonkrug und fand darin eine alte Schriftrolle. Die Schrift war hebräisch, dessen sie als Archäologin kundig war. Als sie von ihren Ausflügen zurück kam, erzählte sie niemanden von ihrem Fund, sondern begann gleich, nach ihrer täglichen Arbeit zu abendlicher Stunde, die Schriftrolle zu übersetzen.

Als sie fertig übersetzt hatte, war sie sehr über den Inhalt erstaunt:

"Freund, der du bist, der diese Worte liest. 
Dies ist ein Bild von drei Wegen, 
nur einer gereicht dir zum Segen.
So siehe da, was vor mir steht,
es ist ein Bild, wo es um den Weg ins Paradiese geht.
Drei Tische sehe ich vor mir,
gar verschieden ist ihre Zier.
An jedem Tisch ist ein Platz noch frei.
Überlege gut, an welchem Tisch der beste Platz sei.

Da ist ein Tisch gar übervoll mit Speisen und Getränken und das für einen ganz allein.
Denn niemand sitzt an diesem Tisch nur ein freier Platz, was kann das für ein Tisch wohl sein?

Ein anderer Tisch ist voll mit einer fröhlichen Menschenschar,
sie loben Gott; Christen sind's für wahr.
Wer sich hier an diesem Platze hin begibt,
spürt, dass er wird sehr geliebt.
Und wohl ergehen ist und Schmeichelei,
und er fühlt sich von allen Sorgen frei.
So schön es ist, weil man vor allem hat die Gottes Gnad.
Das man ganz vergisst, 
was um einen rund herum noch alles ist.
Dieser Tisch ist gar sehr fein, 
was wird das für ein Tisch wohl sein?

Ein wenig verächtlich sehen diese Leute
auf den dritten Tisch; da sitzen gar seltsame Meute:
Dort sitzen alle unmöglichen von Gesindel,
Es gibt viel Streit, Geschrei und viel Schwindel.
Verbrecher, Arme, Kranke und Heiden sind dabei,
kaum etwas auf dem Tisch und keiner ist von Sorgen frei.
Wenn ein guter Christ hier her sich begibt,
was glaubt ihr wohl, was dann geschieht?

Dies sind drei Wege, aber nur einer ist der beste. 
Wähle und verstehe gut, dann bist du nicht fern vom ewigen Feste."

Die Archäologin erkannte wohl, dass es sich hier um ein urchristliches Schreiben handeln musste. Aber sie konnte nicht viel daraus verstehen. Ihr war klar, dass sie einen Menschen finden müsste, der dieses in Worten beschriebene Bild konkret deuten könnte, um daraus nutzen zu ziehen.

Nachdem die Ausgrabungen in Ägypten fertig waren, kehrte sie in ihre Heimat zurück. Sie hatte sich inzwischen überlegt, wen sie eine Abschrift der Schriftrolle wohl zeigen könnte um der Antwort näher zu kommen.

Ihre erste Wahl war ein Doktor der Philosophie an der Universität, wo sie einmal studiert hatte. Dieser Doktor war ein bekennender Atheist und genoss sogar einen hohen internationalen Ruf für seine Vorträge. Sie zeigte ihm die Abschrift und er sagte nach längerer Überlegung: "Wissen sie, ich glaube nicht an das christliche Gequatsche vom ewigen Leben und so, darum würde ich den Tisch wählen, wo ich alles für mich allein haben kann, denn, wozu auf etwas warten, woran ich nicht glaube, dass es nicht gibt! Doch das ganze Bild kann ich nicht deuten. Tut mir leid."

Die Archäologin war nach dieser Unterredung äußerst unzufrieden und erkannte, dass sie des Rätsels Lösung nur bei einem Christgläubigen finden konnte. 

Ihr fiel eine ehemalige Studienkollegin ein, die Theologie studiert hatte und jetzt Religionslehrerin in einer höheren Schule war. Sie ging zu ihr hin und zeigte ihr auch den Inhalt der Schriftrolle. Sie antwortete ihr: "Weißt du, ich bin eine gläubige Christin, Ehefrau und Mutter zugleich. Ich freue mich über mein schönes Familienleben und wir haben viele christliche Freunde und fühlen uns in der Kirche zu Hause. Wir unternehmen oft gemeinsam irgend etwas, wie Bergwanderungen und viele andere Dinge mehr. Wir danken Gott für alles, was er uns zuteil werden lässt. Ich würde den Tisch mit den fröhlichen Christen wählen! Aber das Bild als Ganzes kann ich dir auch nicht deuten."

Die Archäologin dachte sich, dass das recht schön und gut sei, aber diese Antwort reiche ihr nicht. Wen sie jetzt noch fragen könnte, dass wisse sie aber nicht. Sie beließ es einmal und ließ eine Zeit vergehen. Außerdem stand das nächste Ausgrabungsprojekt ins Haus. Es führte sie nach Südamerika, wo die Ausgrabungen in der Nähe einer größeren Stadt stattfanden. Eine typisch südamerikanische Stadt mit einigen sehr reichen Leuten aber auch sehr vielen armen Menschen, die sich irgendwie durch das Leben schlugen. Oft stahlen sie oder machten andere Betrügereien. Die Archäologin hatte eine Abschrift ihrer Schriftrolle in ein Kuvert gegeben und ihre dortige Adresse darauf geschrieben, weil sie immer hoffte, dass sie von irgend jemanden erfahren würde, der ihr vielleicht helfen könnte. Diesen würde sie den Brief dann schicken. Doch bei einem Stadtbummel wurde ihr der Brief gestohlen. Es beunruhigte sie nicht besonders, denn das Original war sicher zu Hause in ihrer Heimat verwahrt. Außerdem kannte sie den Inhalt schon in- und auswendig.

Ein paar Tage später klopfte es an ihrer Hotelzimmertür, dass sie für die Zeit der Ausgrabungen bezogen hatte. Als sie öffnete stand zu ihrer Verwunderung ein Ordenspriester vor ihr. In seiner Hand hielt er den Brief, der ihr zuvor gestohlen wurde. Nach kurzer Begrüßung erklärte er ihr, dass er Missionar in der Stadt wäre und den Brief bei einem seiner Straßenkinder gefunden habe, die er betreute. Der Junge wollte gerade den Brief öffnen, weil er darin Geld vermutete, als er ihn dabei erwischt habe. Daher hatte der Priester gleich den Brief unversehrt zurück gebracht.

Die Archäologin war so sehr erstaunt darüber, dass sie sich entschloss, dem Priester unverzüglich den Inhalt des Briefes zu zeigen. Da der Priester aber in Eile war, haben sie gemeinsam beschlossen, dass er den Brief mitnehmen solle und sie in ein paar Tagen in seiner Missionsstation besuchen kommen würde.

Als sie nach einigen Tagen Zeit finden konnte, suchte sie den Priester auf. Dieser begegnete ihr sehr herzlich und begann zu sprechen: "Also gnädige Frau, der Inhalt dieses Briefes ist so wertvoll, welches mit keinem Geld zu bezahlen wäre. Nachdem ich die Abschrift gelesen hatte, ging ich ins Gebet und dann stand mir die Bedeutung des Bildes, dass hier beschrieben ist, klar und deutlich vor Augen. Ich möchte es ihnen erklären:

Also, die drei Tische sind die drei grundsätzlichen Wege, die der Mensch gehen kann. Da ist ein Tisch, an dem nur einer Platz hat und nur so von allerlei Köstlichkeiten übersät ist. Dieser Tisch ist nicht von Gottes Hand gemacht. Er ist eine Einladung es sich gut gehen zu lassen, ohne sich dabei um jemand anderen zu kümmern. Wer sich zu diesem Tische setzt, kann alles zu sich nehmen, was das Auge begehrt, aber wenn alles aufgebraucht ist, wird nichts mehr nachkommen. Das ist nämlich das teuflische an der Sache. Das Konsumieren weltlicher Genüsse macht einen immer noch hungriger in seinem Leben, aber man bleibt doch innerlich leer. Am Ende des Lebens wird es heißen, er hat zu seinen Lebzeiten seinen Anteil am Guten schon erhalten. Das ist der Weg in die Hölle, in das ewige Nichts!

Der Tisch mit den Gott lobenden Christen ist ein Tisch, wo Gott immer wieder seine Gaben auf dem Tisch bringt, man nennt es Gnaden. Es sind zwar gläubige Menschen und Gott ist mit ihnen, aber er ist auch traurig über sie, denn ihr Streben nach Vollkommenheit ist mangelhaft. Denn sie genügen sich selbst und sie sehen abwertend auf den dritten Tisch mit den Armen, Kranken, Heiden und Verbrechern. Es heißt doch in der Bibel: "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dann erhalten?" So ist dieser Tisch der Tisch, der den sicheren Weg ins Fegefeuer symbolisiert.

Was heißt es aber, wenn sich ein guter Christ zu dem Tische setzt, an dem allerlei Gesindel sitzt, von der Gemeinschaft gemieden, und sogar sich selbst womöglich noch den Spott und Hohn der Menschen einfängt, auch von den scheinbar frommen Christen am zweiten Tisch, die aber völlig das Wort Jesu außer acht lassen, es ignorieren? "Wer viel empfangen hat, von dem wird auch viel verlangt." Sie sind nicht bereit, die empfangenen Gnaden mit denen zu teilen, die ihnen zuwider sind. Der Christ, der sich aber zu den Ausgestoßenen, Kranken, Alten, einsamen Menschen, ja sogar zu den Sündern begibt, weil sie auch der Gnade Gottes bedürfen und wenn er bereit ist, seine Liebe mit ihnen zu teilen, dann wird er für sie ein Licht sein, dass in die Finsternis kommt! Denn in der Bibel steht: "Wer hat, dem wird gegeben werden und wer nicht hat, von dem wird auch, was er hat, genommen werden." In anderen Worten: Wer viel Liebe hat, dem wird viel Liebe gegeben.

Jesus hätte diesen Tisch gewählt, denn es heißt in der hl. Schrift: "Er isst mit Dirnen und Zöllnern." Und er sagte: "Nicht die Gesunden bedürfen eines Arztes, sondern die Kranken." Und unsere Aufgabe ist es, Jesus nachzufolgen. So ist der dritte Tisch die Nachfolge Christi. Dieser Weg ist ein schwieriger, aber verdienstvoller Weg. Dieser Weg ist der sicherste und schnellste Weg ins himmlische Paradies!"

Nach dieser Besprechung mit dem Missionar war der Archäologin der Inhalt der Schriftrolle klar und sie sah vieles mit anderen Augen. Ihre Arbeit kam ihr plötzlich so leer vor und sie entschloss sich, ihr Leben radikal zu ändern. Indem sie sich bemühte, für den Nächsten da zu sein, egal wer der Nächste auch sein mag, ohne den Blick von jemanden abzuwenden, vor allem nicht vor jenen, die in den Augen der Welt nichts wert waren.

Sie erkannte auch, dass alle Menschen Kinder Gottes sind und Gott alle seine Kinder liebt. Ob sie ihn als ihren Vater annehmen oder nicht, liegt in der Freiheit des Menschen. Die Archäologin wusste jetzt, dass sie versuchen könnte mit der Hilfe Gottes, die Liebe Gottes durch ihr Leben sichtbar zu machen ...

Franz Sp.