Kardinal Schönborn, Woher kommt die Messe? – Die Paschafeier im Alten Bund

1. Kathechese 2003/2004

Woher kommt die Messe? – Die Paschafeier im Alten Bund
von Kardinal Dr. Christoph Schönborn

Stephansdom, Wien
am 12. Oktober 2003

„Die Kirche lebt aus der Eucharistie.“ Mit diesen Worten beginnt der Heilige Vater seine Enzyklika Ecclesia de Eucharistia, die er am Gründonnerstag dieses Jahres veröffentlicht hat. Die Eucharistie ist Mitte des Lebens der Kirche. Sie ist zugleich ihr „Lebensmittel“. Von dieser Lebensmitte, von diesem Lebensmittel möchte ich heuer in den neun Katechesen sprechen, die monatlich am ersten oder zweiten (im April sogar erst am dritten) Sonntag stattfinden sollen. 

I.

Beginnen wir ohne Umschweife mit dem Erlebnisbericht eines ständigen Diakons unserer Erzdiözese Wien: „Die junge Dame empfängt mich am Flughafen der chinesischen Hauptstadt und stellt sich als meine Begleiterin vor. Sie ist akademische Übersetzerin, ihr Englisch wirkt, soweit das hier möglich ist, fast akzentfrei. Mit ihrem uniformähnlichen Kostüm und ihrer sachlichen Freundlichkeit wirkt sie ein wenig gefroren. Während der Fahrt zum Hotel bietet sie mir vor dem abendlichen Begrüßungsessen eine kleine Stadtrundfahrt an. Die Dämmerung des Sonntagnachmittags bricht herein, Schneewolken hängen in der Luft. Ich möchte kein Sightseeing-Programm, sondern eine katholische Abendmesse und äußere diesen Wunsch. Nach einer kurzen Beratung mit dem Fahrer und einigen Handytelefonaten bringt uns das Auto zu einer hell erleuchteten Kirche. Viele Leute, vor allem Jugend, strömen hinein. Die Messe sei chinesisch, meint meine Begleiterin, und ich verstünde doch die Sprache nicht. ‚Der Vorgang ist auf der ganzen Welt der gleiche‘, antworte ich und verlasse das Fahrzeug. Als sie im Wagen sitzen bleiben will, sage ich: ‚Sie sind zu meiner Begleitung bestellt und werden jetzt mit mir die Messe besuchen.‘ Daraufhin kommt sie mit, nur der Fahrer bleibt im Auto. Ich betrete die Sakristei, werfe einen raschen Blick auf das Madonnenbild und das Foto des Heiligen Vaters und weiß, dass ich am rechten Ort bin. Der Priester spricht nicht englisch, ich spreche nicht chinesisch, aber ich zeige ihm meine Stola, er umarmt mich, gibt mir eine Albe und wir feiern gemeinsam die Messe. Viele Leute kommen zur Kommunion, darunter zahlreiche Katechumenen, die gesegnet werden wollen. Es ist ein würdiger und gleichzeitig fröhlicher Gottesdienst. Beim Verlassen der Kirche schaut meine Begleiterin weniger gefroren drein und beginnt Fragen zu stellen, wobei sie sich vor jeder Fragestellung entschuldigt: ‚Ist das Gott, der da zu Ihnen kommt?‘ ‚Ja, das ist Gott.‘ ‚Ist Gott in den goldenen Gefäßen drinnen, die Sie am Altar aufheben?‘ ‚Ja, da ist er drinnen, nicht symbolisch, sondern wirklich. Der Priester wandelt Brot und Wein in Fleisch und Blut unseres Herrn.‘ Langes Schweigen. Dann fragt sie weiter und entschuldigt sich zweimal vor der Frage: ‚Und das .... das essen Sie dann?‘ ‚Ja, das essen wir, das ist, soweit es auf der Erde Vollkommenheit gibt, die vollkommenste Vereinigung zwischen Mensch und Gott. Und das gleiche geschieht, wo immer sich ein katholischer Priester befindet, jede Minute auf der ganzen Welt.‘ Wieder Schweigen. Erst als wir vor dem Hotel angelangt sind, stellt sie noch eine letzte Frage: ‚Wie leben Sie mit dieser Religion?‘ Darauf erfolgt keine Antwort mehr, denn in der Zwischenzeit sind wir in der lärmerfüllten Hotelhalle angelangt. Aber eine Woche später, als sie mich zum Flughafen begleitet, sagt sie beim Abschied vor der Passkontrolle: ‚Schreiben Sie mir bitte und schicken Sie mir Material über diesen Gott.‘ Ich verspreche es, dann gehe ich durch die Sperre. Im Menschengewühl verliere ich sie bald aus den Augen. Noch im Flugzeug erfüllt mich die Freude über diesen Glauben, der uns erlaubt, auf solche Fragen solche Antworten zu geben. Ich denke auch an die letzte, unbeantwortete Frage, auf die nur das Leben selbst und Gottes Gnade Antworten geben können. Wir fliegen über die Mongolei, das Land unter uns ist schneebedeckt, mondbeschienen und weit. „Ein kostbarer Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“, denke ich und schlafe ein“ (Franz Eckert).

„Ein kostbarer Schatz in zerbrechlichen Gefäßen“ – beides will ich in den kommenden Katechesen gemeinsam betrachten, den Schatz selber, das „Geheimnis des Glaubens“, und das Gefäß, das ihn enthält: die Liturgie, der Gottesdienst. Woher kommt die Feier der Eucharistie? Wie hat sie sich entwickelt? Was bezeichnet und bedeutet sie? Vom „woher“ soll in der ersten Katechese die Rede sein. Die Eucharistie, die Heilige Messe – über die verschiedenen Namen werden wir in den nächsten Katechesen sprechen – ist „typisch“ christlich. Eines ist gewiss über allen Zweifel erhaben: Jesus selber hat sie beim letzten Abendmahl, in der Nacht vor seinem Leiden und Tod gestiftet, und er hat den Auftrag gegeben, dass dies zu seinem Gedächtnis weiter getan werden soll. Die Eucharistie ist unverwechselbar sozusagen Eigengut der christlichen Religion, des christlichen Glaubens, der christlichen Kirche. Aber, so neu sie ist, so unverwechselbar, so sehr Besonderheit Jesu Christi, ist sie doch ganz tief in der Vorgeschichte, im Alten Bund und darüber hinaus in der ganzen Menschheit verwurzelt. Durch die Zeichen, die sie verwendet, ist sie in den Kosmos hinein verwoben, Brot und Wein, die Gaben der Erde, Frucht des Weinstocks, Gaben der Schöpfung. Sie ist unverwechselbar hinein verwoben in die jüdische Geschichte, in die Geschichte des Alten Bundes. Von dieser Geschichte möchte ich heute in dieser ersten Katechese vor allem sprechen. In welchen Gefäßen wurde dieser kostbare Schatz vorbereitet, in denen er auch weiterhin getragen und vermittelt wird? Es gehört zu den spannenden Episoden in der Geschichte der christlichen Kirchen und der christlichen Theologie, dass in den letzten fünfzig, hundert Jahren die jüdischen Wurzeln unseres Gottesdienstes stark neu und wieder entdeckt worden sind, dass viel durchsichtiger und einsichtiger geworden ist, wie sehr unser Gottesdienst aus den tiefen Wurzeln des Alten Bundes, des Gottesvolkes des Alten Bundes stammt. Für mich selber gehört es immer wieder zu den spannenden Abenteuern, sowohl was das Wissen, die Forschung, als auch den Glauben selber betrifft, zu entdecken, wahrzunehmen, wie sehr wir von der Wurzel getragen sind, aus der wir stammen. Paulus sagt den Heidenchristen in Rom: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11,18). Diese Wurzel ist das Judentum, ist das erwählte Volk. Diesem Wurzelstock sind wir, die wir aus den Heidenchristen stammen, eingepfropft, sagt Paulus (Röm 11,17). Von dieser Wurzel soll also heute und auch nächstes Mal noch die Rede sein. Es gehört zu den großen Freuden, diese Wurzeln zu entdecken, freilich ist damit auch der tiefe Schmerz verbunden, dass das so lange verkannt worden ist, verdeckt, vergessen, sogar verleugnet. Dass Juden und Christen in dieser tiefen Gemeinsamkeit sind, verdanken wir keinem anderen als Jesus selber. Der Messias Israels, der Sohn Gottes, er ist zugleich der, der uns verbindet und uns trennt. Wir können, wenn wir ihn lieben und seinen Weg gehen, ihn nicht trennen von dem Volk aus dem er, wie Paulus sagt, „dem Fleische nach“ geboren ist (Röm 1,3).

II.

Ein lieber Mitbruder von mir, Dominikaner, langjähriger Kollege in der Schweiz, hat bereits 1977 ein Buch herausgebracht, das mir eine große Orientierungshilfe war. Es trägt den bescheidenen Titel: „Das Abendmahl Jesu als Brennpunkt des Alten Testaments“. (Es ist leider nicht mehr auf dem Buchmarkt zu haben.) In diesem Buch zeigt P. Adrian Schenker, Professor für Altes Testament, wie sehr die Eucharistie in allen ihren Zügen, Riten, in allem, was sie ausmacht, tiefe Bezüge zum Alten Testament hat. Ja, er zeigt sogar, dass das Alte Testament gewissermaßen wie in einem Brennglas sich im Abendmahl Jesu konzentriert und verdichtet. Ein wenig möchte ich heute Abend durch dieses Brennglas schauen.

Jesus hat in der Nacht vor seinem Leiden die Eucharistie gestiftet. Dies war, so ist zumindest die Überzeugung der drei ersten Evangelien, ein Paschamahl. Bei diesem nächtlichen Mahl erinnert sich das erwählte Volk wie in keiner anderen Nacht des Jahres in Freude der Befreiung, der Rettung. Es ist die „Nacht aller Nächte“, für uns nur vergleichbar mit der Osternacht, die ja ganz starke Bezüge zur Nacht des jüdischen Pesach hat. In diesem Mahl ist das nächtliche Abschiedsmahl vor der Flucht, dem Auszugs aus Ägypten lebendig. Es ist die Nacht, in der Israel der großen Rettungstat Gottes gedenkt, der Befreiung aus der langen der Sklaverei in Ägypten. Der so genannte Seder, das feierliche Mahl, ist mit vielen Riten ausgestattet. – Wir werden uns dem auch ein wenig zuwenden, wahrscheinlich erst das nächste Mal. – Jesus hat in diesem Mahl Brot und Wein genommen an Stellen, die in dem jüdischen Pesachmahl, im Seder, ganz genau vorgesehen sind: am Anfang das Brot und nach dem Sättigungsmahl den Becher mit dem Wein. Er hat darüber den Lobspruch gesprochen, „den Lobpreis“, so sagt es der Evangelist Markus (14,22) und dann die neuen Worte: „Nehmt, das ist mein Leib!“. Am Ende des Mahls hat er den Becher genommen, wieder einen Spruch, ein Gebet darüber gesprochen – Markus sagt: Er „sprach das Dankgebet“ (14,23) – und hat dazu gesagt: „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (14,24).

Um es vorweg zu sagen: Die Kirche hat diese Worte immer, durch alle Jahrhunderte, so verstanden, wie sie gesagt wurden: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Generationen von Gläubigen haben die Eucharistie, die Kommunion in dieser Überzeugung empfangen: Das ist der Leib des Herrn, das ist sein Blut. Manche haben den Leib des Herrn nicht nur empfangen, sondern sogar ausschließlich davon gelebt, ich denke hier an die hl. Katharina von Siena (†1380) und den hl. Bruder Klaus von der Flüe (†1487), von denen das ausdrücklich bezeugt ist. Für sie war der Leib des Herrn das Lebensmittel. Aber darüber werden wir später handeln.

Heute möchte ich auf die Wurzeln schauen. Es sind vor allem zwei Wurzelstränge, die es zu betrachten gilt. Der erste ist: Was ist dieses Gebet, das Jesus da gesprochen hat? Markus nennt es den Lobpreis und das Dankgebet. Dann werden wir fragen: Was bedeutet es, dass Jesus das im Rahmen des Pesachmahles gesagt, getan und eingesetzt hat (2. Katechese)?

III.

Ich möchte heute Abend über etwas Wunderschönes sprechen, das ich leider viel zu wenig aus der Erfahrung kenne, weil ich nicht so verwurzelt bin in der jüdischen Tradition. Aber ich habe viel darüber gehört und gelesen: das jüdische Lob- und Dankgebet als einer der beiden Wurzelstämme der Eucharistie. Was heißt das, wenn Markus uns sagt: Jesus hat über das Brot das Lobgebet gesprochen? – Manchmal werde ich auch griechische oder hebräische Wörter gebrauchen müssen, das soll Sie nicht schrecken. – Markus sagt hier: eulogésas, er hat die Eulogie gesprochen. Eulogie wird übersetzt: das Lobgebet. Über den Becher, sagt Markus, habe er eucharistésas, die Eucharistie, das Dankgebet gesprochen. Jesus hat sicher das jüdische Tischgebet gesprochen, das auch heute noch gebetet wird. Es dürfte seit der Zeit Jesu weitgehend unverändert sein. Damals war entweder das einfache oder, beim Pesachmahl in der Nacht der Befreiung, das feierliche Tischgebet üblich. Dieses Gebet hat der Eucharistie einen der Namen gegeben.

Diese jüdischen Gebete der Danksagung und des Lobpreises haben eine ganz eigene Spiritualität. Ich würde fast sagen, sie haben einen eigenen „Geruch“, einen eigenen „Geschmack“. Diesem Wurzelboden gilt es ein wenig nachzuforschen. Aus welcher geistigen Wurzel kommt die Eucharistie? Vielleicht wird es uns gelingen hineinzuhorchen auch in die Hochgebete, die wir Sonntag für Sonntag hören, das Römische (I.), das kurze zweite, das längere dritte, das ganz lange vierte, sie alle haben, wenn man in die jüdische Tradition hineinhorcht, plötzlich einen ganz anderen Klang. Sie klingen ganz vertraut und dem jüdischen Beten nahe. Sie sind Lob- und Dankgebete. Auf jiddisch – auch das gehört dazu – nennt man sie die „Broche“. (Wir haben in unserer Alltagssprache nicht wenige jiddische Worte, besonders im Wienerischen, wenn man vom Mazel spricht, das ist das Glück, wenn man „einen guten Rutsch“ ins neue Jahr wünscht, dann hat das nichts mit rutschen zu tun, sondern mit Rosch Haschana, mit dem jüdischen Neujahrsfest, „das Haupt des Jahres“. Rosch ist das Haupt, Haschana ist das Jahr.) Broche, wie man auf jiddisch sagt, kommt vom hebräischen Wort beraka. Es wird schwierig, wenn wir das zu übersetzen versuchen. Eine Broche ist ein Segen. Wer zum Rabbi geht und eine Broche erbittet, erbittet einen Segen, wie es bei uns auch üblich ist, wenn man einen Segen erbittet. Aber das Eigenartige an diesem Wort ist, dass es nicht nur eine Bewegung von Gott zu uns ist – Gott segnet und wir erbitten den Segen Gottes – sondern dass es auch eine Bewegung des Menschen zu Gott ist. Nicht nur Gott kann uns eine Broche, einen Segen geben, sondern auch wir können Gott eine Broche sprechen, wir können Gott segnen. Das ist für uns überraschend, aber es führt uns tief hinein in das Geheimnis vom kostbaren Schatz, den wir in irdenen Gefäßen tragen, die Eucharistie.

Das Gebet, das bei der Darbringung von Brot und Wein gesprochen wird, im so genannten Offertorium, bei der Gabendarbringung, ist eine Broche, nämlich fast ganz wörtlich jene Segnung oder Preisung (je nachdem wie man es übersetzt), die heute noch Tag für Tag als jüdisches Tischgebet gebraucht wird. Dort heißt es in der uns vertrauten Übersetzung, die nicht ganz glücklich ist: „Gepriesen bist du, Herr unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde [Papst Paul VI. hat hinzugefügt:] und der menschlichen Arbeit. Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, damit es uns das Brot des Lebens werde. [Alle:] Gepriesen bist du in Ewigkeit, Herr unser Gott.“ Das ist ganz schlicht und einfach die Broche, das Segensgebet über das Brot. Die hebräische Form würde übersetzt in etwa so lauten: „Gesegnet bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt, der du das Brot aus der Erde hervorbringst … Gesegnet bist du in Ewigkeit, Herr, unser Gott.“ Wir trauen uns nicht zu sagen, dass wir Gott segnen, das kommt uns etwas anmaßend vor. Aber schon im Lateinischen (viele von uns können doch zumindest ein paar lateinische Worte) ist das erhalten geblieben. „Benediktion“ – Segnung, „benedizieren“ – segnen, das „Benedictus“, das im Morgengebet der Kirche täglich gebetet wird, ist jenes Gebet, das Zacharias nach der Geburt des Johannes des Täufers, als ihm der Mund wieder aufgegangen ist, er wieder sprechen konnte, ganz spontan gesprochen hat (Lk 1,68-79). Es ist ein Lobpreis, der in der lateinischen Fassung beginnt: „Benedictus Dominus Deus Israel …“ – eine klassische Broche, ein ganz typisches jüdisches Segnungsgebet. Zacharias segnet Gott: „Gesegnet ist der Herr, der Gott Israels.“ Natürlich trauen wir uns nicht, das so zu übersetzen, sondern übersetzen „gepriesen…“ Segen geht immer von Gott aus. Alles Gute verdanken wir seinem Segen. Aber wir können Gott gegenüber unseren empfangenen Segen verdanken und ihn gewissermaßen zurückgeben. Im jüdischen Verständnis ist das, was ich zurück gebe an Segen Gottes auch wieder ein Segnen. Gott segnet mich, Gott segnet uns und wir dürfen ihn zurück segnen. Übrigens sagt man im jiddischen zum benedizieren bentschen. Das kommt aus dem Lateinischen, wurde im jiddischen übernommen. Die Einladung in der Synagoge zum Gebet heißt: „Meine Herrn, lasst uns bentschen!“ Das ist dieselbe Einladung, die der Priester zu Beginn der Präfation sagt: „Lasset uns danksagen dem Herrn, unserem Gott!“ Genau das, was man auch in der Synagoge bis heute tut. Wir benedizieren Gott, wir geben ihm gewissermaßen den Segen zurück, den wir von ihm bekommen haben. Denn, und das wird uns in das Geheimnis der Eucharistie tiefer hineinführen, der Auftrag des Menschen ist es, als einziges unter den Geschöpfen den Segen Gottes nicht nur zu empfangen, sondern gewissermaßen als Priester der Schöpfung diesen Segen Gott wieder zurück zu geben mit allem, was er auf Erden bewirkt hat.

Die Broche des Zacharias, das Benedictus beginnt: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels!“ Dann gibt er den Grund an: „denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen“ (Lk 1,68). Es gehört immer zur Benediktion, zur Broche, zum Dankgebet dazu, dass man den Grund angibt. Man preist Gott zuerst, dann nennt man den Grund, warum man ihn preist, man erinnert sich an das, was man bekommen hat und, das ist nicht ganz unklug, ich würde sogar sagen, das ist strategisch ganz gut gedacht, dann erst fügt man eine Bitte an. Man hat sozusagen zu Gott gesagt: Schau, soviel haben wir schon von dir bekommen. Jetzt dürfen wir auch noch um etwas bitten. Man schließt die Bitte immer mit einem neuerlichen Lobpreis: „Gepriesen bist du in Ewigkeit, Herr, unser Gott“, sagen wir nach dem Offertoriumsgebet, nach der Darbringung von Brot und Wein. In jedem jüdischen Dankgebet, in jeder jüdischen Broche kommt am Schluss immer wieder noch einmal der Lobpreis, mit der Gewissheit: Was ich jetzt erbeten habe, das hat Gott zugesagt und er wird es auch geben. Deshalb kann ich ihn jetzt schon dafür preisen. 

Wie tief das im Alten Testament wurzelt, möchte ich an einem schönen Text aus dem Buch Exodus verdeutlichen. Wir finden in der Bibel, im Alten Testament eine Fülle von solchen Segensgebeten, Brochen. Ich nenne nur eine als Beispiel. Es ist die Geschichte, wo Mose nach dem Auszug aus Ägypten wieder zu seinem Schwiegervater zurückkommt. Er hat vierzig Jahre in der Wüste gelebt, nachdem er flüchten musste, weil er den Ägypter erschlagen hatte. Er kommt zu seinem Schwiegervater Jitro zurück, nun nicht mehr alleine sondern mit dem ganzen Volk, das Gott aus Ägypten und durch das Rote Meer gerettet hat. Und jetzt heißt es im Kapitel 18 des zweiten Buches Mose, des Buches Exodus: „Mose erzählte seinem Schwiegervater alles, was der Herr dem Pharao und den Ägyptern um Israels willen angetan hatte.“ – Das muss ziemlich lang gedauert haben, diese Erzählung, aber im Orient hat man etwas mehr Zeit als bei uns. – Er erzählte „auch von allen Schwierigkeiten, denen sie unterwegs begegnet waren“ – also die Geschichte von den ersten Wochen des Auszugs aus Ägypten, was sie alles da erlebt hatten – „und wie der Herr sie gerettet hatte.“ Die Reaktion seinen Schwiegervaters: „Jitro freute sich über alles, was der Herr an Israel Gutes getan hatte, als er es aus der Hand der Ägypter rettete. Jitro sagte“ – jetzt übersetze ich so, wie es richtig übersetzt sein sollte: „Gesegnet sei der Herr, der euch aus der Hand der Ägypter und des Pharao gerettet hat. Jetzt weiß ich: Der Herr ist größer als alle Götter. Denn die Ägypter haben Israel hochmütig behandelt, doch der Herr hat das Volk aus ihrer Hand gerettet. Dann holte Jitro, der Schwiegervater des Mose, Tiere für Brandopfer und Schlachtopfer zur Ehre Gottes. Aaron und alle Ältesten Israels kamen, um mit dem Schwiegervater des Mose vor dem Angesicht Gottes ein Mahl zu halten“ (18,8-12). Da ist das Ganze der Eucharistie schon vorweggenommen. Es beginnt sozusagen mit einem langen Wortgottesdienst. Mose erzählt dem Jitro, seinem Schwiegervater, was Gott alles getan hat, wie unglaublich diese Rettung geschehen ist, zuerst aus Ägypten unter vielen Schwierigkeiten, dann durch das Rote Meer und schließlich ihre Zeit in der Wüste. Als Jitro das alles hört, ist seine Antwort darauf ein Lobpreis. Er stimmt das Gloria an, den Dank, ja er gibt Gott zurück im Segen, was Gott seinem Schwiegersohn Mose und dem ganzen Volk Gutes getan hat. Und der Ausdruck dieser Dankbarkeit, dieser Freude ist das Opfer. Sie bringen Opfer dar. Diese Opfer haben nicht den Sinn, Gott zu besänftigen, sondern Gott zu danken. Es sind Opfer des Lobes. Das ganze mündet in ein freudiges Mahl. Wortgottesdienst, Opfergottesdienst und eucharistisches Mahl – vorweggenommen schon der ganze Ablauf der Eucharistie.

Was daran besonders auffällt ist, dass hier das Hören auf die Taten Gottes der Anfang ist. Die Atmosphäre, in der die beraka, die Broche zu Hause ist, ist der Dank dafür, der Lobpreis dafür, dass Gott so Großes wirkt. – Wenn Sie schauen wollen, wo man das im Alten Testament besonders schön lesen kann, dann schauen Sie ins Buch Tobit hinein. Dort kommt immer, wenn irgendetwas ganz besonders Schwieriges zu überwinden war, wenn Tobit und Sara die Hilfe Gottes erfahren haben, eine Broche: „Gepriesen, gesegnet sei der Herr, der Gott Israels“, der uns aus dieser oder jener Situation gerettet hat, der uns seine Treue gezeigt hat, der uns nicht vergessen hat in unserer Not. Ja, gesegnet sei der Herr, der Allmächtige (vgl. Tob 3,11-15; 8,5-8; 11,14-15). Diese Spiritualität der Broche ist sozusagen der Mutterboten, aus dem die Eucharistie gewachsen ist. 

Wenn Sie sich einmal die Zeit nehmen, das vierte eucharistische Hochgebet herzunehmen, das lange (das man deshalb so selten hört, weil es lange dauert und die Messe ja immer kurz sein muss), da erleben wir genau das, was Mose dem Jitro erzählt hat. Die ganze Geschichte wird erzählt, wie Gott am Anfang die Schöpfung gemacht hat, wie der Mensch seine Freundschaft verloren hat und ihn Gott trotzdem nicht verlassen hat, wie er immer wieder den Menschen seinen Bund angeboten hat, wie er die Propheten gesandt hat, um die Menschen zu lehren, das Heil zu erwarten, wie er schließlich seinen Sohn gesandt hat, um alle zu retten. Darauf folgt die Antwort, der Lobpreis, das Sanctus, dann kommt die Vergegenwärtigung des Opfers, wie wir es im Folgenden immer wieder sehen werden.

Zuerst also erinnern, das ist urbiblisch und urjüdisch, das Gedächtnis, das Erinnern an die Taten Gottes. Wenn man sich so erinnert, was Gott getan hat, dann wird einem bewusst, was er früher getan hat, wird er auch in Zukunft tun, denn er ist treu und deshalb dürfen wir vertrauen, dass er es auch jetzt tun wird. Vergangenheit – Zukunft – Gegenwart: Genau das erleben wir immer in der Eucharistie. Wir erinnern uns, was Gott getan hat, wir schauen auf das, was er tun wird, bis er kommt in Herrlichkeit, und das wird jetzt gegenwärtig. Ganz gewiss ist der Herr jetzt da. Diese Gebetsatmosphäre ist sozusagen der Raum, der Gebetsraum, die Luft in der die Eucharistie zu Hause ist. Es ist eine Atmosphäre tiefen Vertrauens, nicht die Angst vor Gott, sondern die Zuversicht in die Treue Gottes. Was den Menschen befähigt Gott zu segnen, ist, wie das Alte Testament ständig sagt: Dieser Gott ist unglaublich nahe. Wie nahe er ist, konnte das Alte Testament noch nicht ahnen. Erst Jesus hat uns gezeigt, dass diese Nähe noch so viel weiter geht, viel weiter, als man es sich vorstellen konnte, bis dahin, dass er sich uns zu essen gibt.

IV.

Ich werde jetzt noch ein wenig aus der jüdischen Frömmigkeitsgeschichte, aus dem jüdischen Leben über die Bedeutung der Broche sagen. Sie ist nämlich nicht nur wichtig für die Liturgie, für den Gottesdienst in der Synagoge, bei den großen Festtagen wie dem Pesach, sondern gehört auch ganz in den Alltag. Ich würde sagen: „eucharistische Frömmigkeit im Alltag“. Es gibt bei den Juden eine Tradition, die sicher nicht von allen gelebt wird, aber doch sehr bekannt ist. Der fromme Jude soll am Tag hundertmal Gott bentschen, Gott eine Broche sprechen. Vom Aufwachen in der Früh bis zum Schlafengehen bei jeder Gelegenheit, wenn er einen Goj, einen Nichtjuden auf der Straße sieht; wenn er eine Frau sieht, soll er sagen, dass er Gott dankt, dass er keine Frau geworden ist – es gibt aber auch eine Broche, die die Frauen sprechen sollen, die danken dafür, dass sie nicht ein Mann geworden sind –; wenn man ein seltsames Phänomen sieht, eine Sternschnuppe, soll man eine bestimmte Broche sprechen; wenn man irgendein besonderes Naturphänomen sieht, gibt es eine eigene Broche. Ich nenne nur so ein paar, wie sie in der jüdischen Frömmigkeitstradition weitergegeben werden: Beim Aufwachen soll der gläubige Jude sprechen: „Gepriesen seist du; Herr unser Gott, König der Welt“ – so beginnt immer die Broche – „der du die Seelen ihren sterblichen Leibern zurückgibst und so das morgendliche Erwachen verbindest mit der Aussicht auf die Auferstehung.“ Das morgendliche Aufstehen ist eine Erinnerung an die Auferstehung. Wenn er den ersten Blick auf seine Umgebung wirft, soll er sagen: „Gepriesen seist du, Herr unser Gott, König der Welt, der du die Augen der Blinden öffnest.“ Wenn er aus seinem schwankenden Bett heraus steigt, den festen Boden unter den Füßen findet, soll er sagen: Gepriesen seist du, Herr unser Gott, König der Welt, der du die Erde auf den Wassern befestigt hast.“ Und so geht es weiter, den ganzen Tag hindurch bis zum Schlafengehen. Beim Apostel Paulus steht ein Satz, der uns von dieser Frömmigkeit her einen ganz anderen Klang bekommt: „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, nichts ist verwerflich, wenn es mit Preisung [im Griechischen steht hier: mit Eucharistie] genommen wird, ist es doch geheiligt durch Gottes Wort und das Gebet“ (1 Tim 4,3-4). Alles soll Eucharistie sein, alles soll Gott zurückgegeben werden in der Preisung, in der Broche. Ganz ähnlich heißt es im Talmud, im großen jüdischen Werk in vielen, vielen Bänden, in denen die jüdischen Traditionen überliefert und festgehalten sind, in dem Traktat über das Bentschen, über die berakot: „Es ist dem Menschen verboten, irgendetwas von dieser Welt ohne Benediktion zu genießen“ (b Ber 35a). Nichts sollen wir also zu uns nehmen, nichts sollen wir annehmen, empfangen, ohne Gott zu „eucharistieren“, Gott zu preisen oder, wie wir wörtlich sagen dürfen, Gott zu segnen. 

Wenn wir in das Leben Jesu hinein schauen, merken wir, wie viele solche Brochen, solche Benediktionen es auch bei ihm gibt. Ich nenne nur eine ganz eindrucksvolle, die im Matthäusevangelium steht. Es bricht so richtig aus Jesus hervor, eine jubelnde Benediktion an Gott: „Ich preise dich [wörtlich: ich segne dich], Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies [das Motiv, warum?] vor Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber geoffenbart hast.“ Am Schluss, ganz klassisch wie in jedem jüdischen Gebet, noch einmal eine lobende Zusammenfassung: „Ja, Vater, so hat es dir gefallen“ (Mt 11,25-26). Wir sehen, wie tief auch Jesu eigene Frömmigkeit in der Frömmigkeit der Synagoge beheimatet ist. Persönliche und liturgische Frömmigkeit, beide gehören eng zusammen, wie ja auch für uns das eucharistische Beten und das persönliche Gebet ganz in einander verwachsen sein sollen.

V.

Nun muss ich zum Abschluss eine Erklärung versuchen, warum das so eine eigene Frömmigkeit ist. Im ersten Petrusbrief steht ein Zitat aus dem Buch Exodus, der Apostel sagt zu den Gläubigen: „Ihr seid ein auserwähltes Volk, ein königliches Priestertum“ (2,9). Das Volk Gottes, des Alten und den Neuen Bundes, hat eine große Berufung, eine priesterliche Berufung. Worin besteht die? Was tut der Priester? Er vermittelt den Segen Gottes und gibt den Segen an Gott zurück. Genau das ist die Aufgabe aller Getauften, ist die Aufgabe des ganzen Volkes Gottes. Alles, was Gott uns schenkt, sollen wir im Lobpreis, in der Eucharistie Gott zurückgeben. Das ist nicht nur eine Aufgabe der geweihten Priester, sondern das ist Aufgabe des ganzen Volkes Gottes, „Opfer des Lobes“ nennt das die Bibel (Ps 50,23; Hebr 13,15). Es ist ein priesterlicher Dienst. Gott hat uns gesegnet, und er wartet darauf, dass die Welt Gott zurückgegeben wird, dass sie ihm im Lobopfer, in der Benediktion zurückgegeben wird. 

Es gibt eine frühchristliche Diskussion zwischen einem Rabbiner und einem Christen, aus dem 2. Jahrhundert. Der Rabbiner hieß Tryphon und der Christ Justin, dann später als Märtyrer gestorben (†um 165). Die beiden diskutieren miteinander über eine Stelle, die wir alle gut kennen, weil sie im dritten Hochgebet vorkommt, das man am Sonntag sehr oft hört: „Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang werde das reine Opfer dargebracht …“ Das ist ein Wort aus dem Propheten Maleachi, der sagt: „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang ist mein Name groß unter den Völkern, und an jedem Ort wird meinem Namen ein Rauchopfer dargebracht und eine reine Opfergabe“ (1,11). Wir kennen dieses Wort aus der Eucharistie, und wir glauben, dass überall auf Erden, wo die Eucharistie dargebracht wird, dieses reine Opfer dargebracht wird. Der Rabbiner sagt zum Christen: Unsere Brochen, unsere vielen Segensgebete, die wir überall auf der Welt sprechen, sind dieses „reine Opfer“. Auf diese Weise bringen wir die Schöpfung Gott zurück im Lobpreis. Darauf antwortet ihm der Christ und sagt: Nein, wir glauben, dass das die Eucharistie Jesu ist. Das ist das reine Opfer, das überall auf Erden vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang Gott dargebracht wird. Jesus ist der, der die vollkommene Broche für uns ist und für uns darbringt. Jesus ist der Segen Gottes an die Welt. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn für uns gegeben hat“ (Joh 3,16). Jesus ist der, der Gott die vollkommenste Broche gesprochen hat, nicht nur durch Worte, sondern durch sein ganzes Leben. Er ist der vollkommene Priester. Er hat alles Gott zurückgebracht. Das ist der Sinn der Eucharistie, das vollkommene Lobopfer. Darüber werden wir das nächste Mal weiter nachdenken, wenn wir schauen: Wie hat nun Jesus selber das Abendmahl gefeiert und was sagt das für den Sinn dieses kostbaren Schatzes, den wir in irdenen Gefäßen tragen?

(c) Kardinal Dr. Christoph Schönborn. Dieser Text ist  nur für den persönlichen Gebrauch gedacht.