Friedrich Nietzsche, Dem unbekannten Gotte

Dem unbekannten Gotte

Noch einmal, eh ich weiterziehe
und meine Blicke vorwärts sende,
heb ich vereinsamt meine Hände
zu dir empor, zu dem ich fliehe,
dem ich in tiefster Herzenstiefe
Altäre feierlich geweiht,
daß allezeit 
mich deine Stimme wieder riefe.

Darauf erglüht tief eingeschrieben
das Wort: Dem unbekannten Gotte.
Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte
auch bis zur Stunde bin geblieben:
Sein bin ich - und fühl die Schlingen,
die mich im Kampf darniederziehn
und, mag ich fliehn,
mich doch zu seinem Dienste zwingen.

Ich will dich kennen, Unbekannter,
du tief in meine Seele Greifender,
mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender,
du Unfaßbarer, mir Verwandter!
Ich will dich kennen, selbst dir dienen.

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Anmerkung:

Dieses Gedicht hat Friedrich Nietzsche im Alter von etwa 20 Jahren
geschrieben. Es zeigt den Konflikt, in dem er sich befunden hat. Als
Kind war er so fromm gewesen, dass man ihn den 'kleinen Pastor' nannte.
Er hat lange mit sich gerungen, ehe er seinem Gott den Totenschein
ausstellte.
(chb)

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