Kathsurf special: Eine strategische Vision für Biowissenschaften und Biotechnologie

Kathsurf-Stellungnahme

Kathsurf-Stellungnahme zum 
KONSULTATIONSPAPlER der KOMMISSION DER EUROPÄlSCHEN GEMElNSCHAFTEN - 
KOM(2001) 454endg., Brüssel, 4.9.01 
„Eine strategische Vision für Biowissenschaften und Biotechnoloqie” 

Die Europäische Kommission beabsichtigt, bis Ende 2001 ein Grundlagenpapier vorzulegen, das zur Entwicklung einer strategischen Vision für Biowissenschaften und Biotechnologie bis 2010 und darüber hinaus dienen soll. Alle Bürger der EU sind eingeladen, dazu Stellung zu nehmen. Ich folge dieser Aufforderung gern, und zwar einfach aus der Position eines interessierten Zeitgenossen.

Gesetzgeber haben die Aufgabe, Randbedingungen zu setzen, innerhalb derer die Aktivitäten von Forschung und Wirtschaft frei sind. Daher ist nach den Grenzen gefragt, die diesen Aktivitäten von höheren Werten und Interessen gesetzt werden. 
Die erste und wichtigste ist zweifellos die Würde des je einzelnen Menschen und die Freiheit seiner Entfaltung. Wie auf anderen Gebieten auch, muss der Gesetzgeber geeignete Maßnahmen treffen, um den Menschen vor der Manipulation durch die "Macht" (hier: das technische Vermögen Anderer) zu schützen. 

1.) Das einzelne menschliche Leben darf niemals zu einem bloßen Mittel zum Zweck gemacht werden, auch nicht im Interesse einer abstrakten "Menschheit". Daher ist es m.E. unzulässig, Embryonen zu "produzieren", sie (z.B. zur Gewinnung von Stammzellen) zu "verwenden" oder überhaupt "verbrauchende Embryonenforschung" zu betreiben. 

2.) Weiter möge das Gesetz alles unterbinden, was auf eine "Konfektionierung" der Menschheit hinausläuft. Das sind vor allem Eingriffe in die menschliche Keimbahn. Abgesehen von den möglichen Spätfolgen werden dadurch Entwicklungsmöglichkeiten künftiger Generationen unverantwortbar beeinflusst. Ebenso muss ein genetisches Screening zum Zwecke der Selektion irgendwelcher Art untersagt bleiben, am geborenen ebenso wie am ungeborenen Menschen. 

3.) Durch die Patentierung von Lebewesen oder Genen, etwa in bestimmten Saatgutsorten oder Zuchtlinien, wird die bestehende Benachteiligung und Ausbeutung der Armen dieser Welt fortgeschrieben und weiter verschlimmert. Wer z.B. in der Dritten Welt wäre in der Lage, die Lizenzgebühren für die besseren Sorten aufzubringen? 

Falls die Gerechtigkeit ein Ziel der Gesetzgebung ist, muss sie gewährleisten, dass der Nutzen aus Forschung und Industrie in angemessener Weise der gesamten Menschheit zugute kommt. 

4.) Wir sind dabei, mit der Biotechnologie einen Geist aus der Flasche zu lassen, der nie wieder dorthin zurückkehren wird. Ich erinnere hier an die Euphorie in den Anfangszeiten der Nukleartechik, die heute ins Gegenteil verkehrt ist. Viele Industriestaaten suchen mittlerweile aus guten Gründen den Ausstieg. 

Die Risikoabschätzung muss sehr vorsichtig gehandhabt werden, ein Haftungsrecht zu Lasten der Nutznießer der neuen Entwicklungen (im weiteren Sinne) ist einzuführen. Nur das ist der nötige Anreiz zur äußersten Sorgfalt. 

Ich hoffe, dass innerhalb eines solchen Rahmenwerks die Möglichkeiten der neuen Technologien zum Wohl der Allgemeinheit genutzt werden können.

Christian Berger, Nov. 2001